ADHS Spätdiagnose – Wie sieht mein Leben nun aus?

Inhaltsübersicht

Mein Name ist Emmy, 25 Jahre alt, und habe mit 22 Jahren meine Diagnose ADHS erhalten. Im ersten Teil habe ich bereits berichtet, wie ich zur Diagnose gekommen bin. Doch wie ging es dann weiter?
Mit einer großen Masse an Emotionen lag es nun an mir mich Neu kennenzulernen. Mein gesamtes Leben musste einmal neu beleuchtet werden, eben mit dem Aspekt, dass viele Punkte, in denen ich mich wertlos fühlte, gar nicht meine Schuld waren. Diese Schuldfrage beschäftigt mich bis heute, doch es wäre vielleicht sinnvoll, erst einmal von vorne zu beginnen.

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Nach der Diagnose

Mit meiner Therapeutin erarbeitete ich einen Plan, was genau mir wichtig ist in dem Umgang mit der Diagnose ADHS. Das Syndrom haben wir erst einmal ganz neutral betrachtet, was es in meinem Gehirn macht und woher die ganzen Symptome überhaupt kommen. Nebenbei habe ich mich in meiner Freizeit viel damit beschäftigt, habe im Internet viel gelesen und durch die sozialen Medien Menschen gefunden, denen es ähnlich geht. Diese Betrachtungsweise von Außen hat mir dabei geholfen ADHS nicht als eine lästige psychische Krankheit zu sehen, wie sie leider in den öffentlichen Medien deklariert wird. Sondern als eine Besonderheit, die mir auch Vorteile bringt. Beispielsweise empfinde ich nun meine Kreativität, die wirklich ins unendliche geht, als Superkraft. Das ganze Tagträumen und out of the box Denken steht mir nicht im Weg, solange ich es zu meinen Gunsten einsetzen kann.

Nach und nach habe ich in der Therapie dann gelernt, meine Symptomatik anzunehmen und zu erkennen, was meiner ADHS geschuldet ist und was ich ändern kann. Offensichtlich ist es noch immer ein harter Weg, meine Impulsivität und dysregulierte Emotionalität zu kontrollieren, dennoch schaffe ich es immer mehr mich in solchen Momenten kurz rauszunehmen, um einmal tief durchzuatmen und die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Diese Art der Reflexionsfähigkeit macht gerade den Umgang mit meinem Mitmenschen viel leichter.

Außerdem habe ich mich dazu entschieden Medikamente anzuwenden, auch wenn es da gespaltene Meinungen gibt. Ich sehe diese Stimulanzien als eine Hilfe an, wie eine Brille, die mich im Alltag unterstützt. Die Selbstkontrolle und Verarbeitung von Reizen sind damit besser zu managen und ich schaffe tatsächlich Aufgaben zu erledigen, ohne sie bis zum letzten Bisschen aufzuschieben, was mir ne Menge Stress erspart.

In Zusammenarbeit mit einer Psychiaterin habe ich vorerst das wohl bekannteste Medikament für mich ausprobiert, Ritalin. Die erste Einnahme war für mich eine Achterbahn der Gefühle, ich musste tatsächlich weinen als es plötzlich ruhig wurde in meinem Kopf. Keine 100 Gedanken, die gleichzeitig auf mich einprasseln, sondern eine geordnete Sammlung an Ideen und Eindrücken, bei denen ich selbst die Kontrolle habe, wie und wann ich etwas thematisieren möchte. Für Neurotypische Menschen hört sich diese Beschreibung vermutlich etwas verrückt an, aber genau so war es.

Nach einigen Monaten wurde der Rebound-Effekt leider stärker, was bedeutet, dass beim Nachlassen der Wirkung die Symptome der ADHS wie eine Wucht wieder eintraten. Somit haben meine Psychiaterin und ich uns dazu entschieden auf Elvanse umzusteigen. Anders als bei Ritalin ist hier die Wirkungsdauer wesentlich länger und auch der Abbau des Medikaments gestaltet sich entspannter. Für mich persönlich war dies auf jeden Fall die richtige Entscheidung, auch wenn es einige Nebeneffekte gibt. An diese Stelle ist es mir nochmal wichtig zu betonen, dass jede Person selbst entscheiden kann, ob Medikamente sinnvoll sind oder nicht. Auch die Art der Medikamente wirken bei jedem Menschen anders, da wir alle einzigartig sind.

Das Elvanse brachte in mir eine innere Ruhe hervor, die ich so nicht kenne. Um ehrlich zu sein, fühlt sich das auch nach einigen Monaten komisch an und werde dann manchmal unruhig, weil ich innerlich ruhig bin. Ebenso ist die Klarheit und der Fokus auf meine Gedanken ein Punkt, der für mich positiv und auch negativ ist. Ich kann mich nämlich nun auch bewusster auf nicht so schöne Gedanken konzentrieren, was im ersten Augenblick immer etwas unangenehm ist. Für meine Therapie jedoch sehr sinnvoll!

Hilfestellung bei ADHS

Mittlerweile komme ich mit allem ganz gut klar und habe für mich, neben den Medikamenten, noch andere Dinge rausgefunden, die mir helfen.

ADHS Diagnose

Akzeptanz

Zu lernen und akzeptieren, dass ich anders funktioniere als die meisten Menschen, war gar nicht so leicht. Immerhin leben wir in einer Welt, die von Neurotypischen Menschen dominiert wird und so sehen auch unsere Strukturen aus. Wie wir gelernt haben zu agieren oder uns zu organisieren, funktioniert für mich einfach nicht. Und das ist nicht schlimm, im Gegenteil, mir steht völlig offen einen Weg zu finden, wie es für mich klappen kann. Beispielsweise die Verwendung von Planern, ich bin nicht dazu gezwungen meine Woche zu strukturieren und eine Routine zu haben. Ich kann mir meine ganzen Routinen so auslegen, dass ich glücklich bin. Auch wenn ich sie 30 mal ändere, es ist einfach unrealistisch, dass ich eine Morgenroutine habe wie Menschen auf TikTok. Das macht mich nicht weniger wertvoll oder erfolgreich.

Außerdem kommen wir nun noch einmal auf die Schuldfrage zurück – ich weiß, dass ich nicht dafür verantwortlich sein kann ADHS zu haben. Doch mir schwirrt die ganze Zeit im Kopf herum, warum es niemand sonst gemerkt hat. Lehrer*innen, meine Psycholog*innen die mich seitdem ich 14 bin betreuen oder irgendjemand anderes. Ich habe so viele Diagnosen bekommen, von Depression über Angststörungen und nie kam jemand darauf dass es einen Ursprung haben könnte. Nach langer Zeit des wütend-Seins weiß ich jetzt, dass es an dem Stigma liegen muss. Aufgrund von fehlender Aufklärung, Forschungsansätzen, die sich hauptsächlich auf männliche Personen beziehen und die Aufrechterhaltung eines Bildes von ADHS, welches völlig drüber ist. Derzeit beschweren sich viele Leute, dass anscheinend alle Menschen ADHS hätten, dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass es mittlerweile einen Umschwung gibt im Bezug auf die Aufklärung. Mit dem neuen Wissen und der Verbreitung von tatsächlichen ADHS Symptomen kommt es logischerweise zu vermehrten Diagnosen.

Schreiben

Durch die Masse an Gedanken in meinem Kopf ist es oft schwer den Überblick zu behalten. Das Schreiben hilft mir diese Gedanken für einen Moment rauszulassen und vielleicht meine Emotionen diesen gegenüber zu regulieren. Was ich häufig mache ist das Mind Dumping, also einfach alles aufschreiben ohne Rücksicht auf Struktur oder Roten Faden. Ich muss nicht mein Geschriebenes ästhetisch gestalten oder verständlich schreiben, diese Einträge sind nur für mich.

Außerdem habe ich damit angefangen Shadow Work zu machen. Also durch spezifische Fragen an mein Inneres zu kommen, um mich mehr verstehen zu können. Im Internet gibt es ganz viele Vorlagen, denen du dich bedienen kannst, falls du es auch einmal probieren magst.

Ernährung

Die Ernährung ist für mich ein schwieriges Thema, da ich schon immer ein emotionaler Esser war. Jedoch habe ich einige Tricks für mich gefunden, um den Druck von Außen zu nehmen. Wenn ich weiß, dass die Woche stressig werden wird, dann habe ich viele schnelle Sachen zu Hause, die nicht viel Zeit oder Vorbereitung beanspruchen. Es geht im Endeffekt darum, dass es überhaupt etwas zu Essen gibt. Safe Foods und Snacks sind ebenfalls essentiell, bei denen ich stets versuche mich auf gesunde, unkomplizierte Dinge zu beschränken.
Wenn ich dann die Zeit und Kraft habe zu kochen, dann mache ich meist mehr, damit ich die Reste einfrieren kann. So habe ich immer etwas da, was ich mit im Zweifelsfall erwärmen kann.

Außerdem habe ich bemerkt, dass eine proteinreiche Ernährung sich positiv auf meinen Allgemeinzustand auswirkt. So habe ich mehr Energie und komme leichter in den Tag hinein.

Austausch und Informationen sammeln

Für mich ist der Konsum von ADHS Content eine große Hilfe, da es mittlerweile auf jeglichen Plattformen Creator*innen gibt, die über ihre Erfahrungen und Tipps sprechen. Dadurch lerne ich mich selbst besser kennen und kann einiges an Tricks ausprobieren, wodurch es mir leichter fällt durch den Alltag zu kommen.

Ebenso ist es eine wahnsinnige Stütze mich mit anderen Menschen auszutauschen, sei es im Internet oder in einer Selbsthilfegruppe. So fühle ich mich weniger alleine, kann eine andere Perspektive einnehmen und kann an meiner Selbstwahrnehmung arbeiten.

Therapie

Wie schon erwähnt stellt die Therapie einen wichtigen Teil dar, der mir im Umgang mit ADHS hilft. Nachdem ich die Verhaltenstherapie abgeschlossen habe, werde ich definitiv eine Tiefenpsychologische Therapie in Anspruch nehmen, um vergangene Traumata aufarbeiten zu können. Mit dem Blickwickel der ADHS ist es nun wesentlich einfacher Verhaltensmuster einordnen zu können.

Nahrungsergänzungsmittel

Durch meine Recherchen habe ich herausgefunden, dass einige Nahrungsergänzungsmittel dabei helfen können Symptome zu lindern. So nehme ich regelmäßig L-Thyrosin und Magnesium ein, um meine Konzentration und meinen seelischen Allgemeinzustand zu verbessern. Hierbei ist es wichtig vorher mit einem/einer Hausarzt/Hausärztin zu sprechen, was für einen Selbst in Frage kommt – gerade im Bezug auf die Einnahme anderer Medikamente.

Listen – To Dos – Ehrlich mit sich Selbst sein

Ich habe für alles überall Listen, auf denen ich wichtige Dinge aufschreibe. Da ich einiges Vergesse, kann ich so darauf zugreifen und bin auf der sicheren Seite. In den letzten Monaten habe ich allerdings gemerkt, dass ich dazu neige meine To Do Listen bis ins Unendliche zu füllen und mich im Nachhinein schlecht zu fühlen wenn ich nicht alles geschafft habe. Aus diesem Grund versuche ich eine gewisse Ehrlichkeit mit einzubringen – was ist realistisch? Wenn ich dann doch mal in die Situation komme, dass viel zu viel auf meiner Liste steht, frage ich Menschen aus meinem Umfeld was wie wichtig ist. Mit diesem Imput schaffe ich es (mehr oder weniger) zu Priorisieren und kann mich dann der Umsetzung widmen.

Kreativität keine Grenzen setzen

Um langweilige Alltagsaufgaben erledigen zu können und nicht in eine ADHS Paralyse zu rutschen, versuche ich an die Sache kreativ ranzugehen. Beispielsweise mache ich eine Challenge daraus, wie schnell ich den Geschirrspüler ausräumen kann oder stelle mir beim Staubsaugen vor, ich wäre in einer Filmsequenz mit passender Musik.

Im Endeffekt ist es egal, wie ich diese Aufgabe erledige, Hauptsache sie sind gemacht! Also warum sollte man sich das nicht spaßig und kreativ gestalten.

Es gibt noch so viele Dinge mehr, die man selbst in seinen Alltag integrieren kann, um in diesen Strukturen zu funktionieren. Mir ist es jedoch wichtig, dass ich mir selbst eine Struktur errichte, in der Ich funktionieren kann. Natürlich gibt es Kernaspekte, bei denen ich nicht nach meinem Empfinden handeln kann – so stellen sich Anträge nicht selbst oder bezahlen sich Mietkosten. Doch die Freiheiten die ich habe, mache ich mir zu eigen. Es ist mein Leben und ich muss glücklich sein, niemand hat das Recht mir dort reinzureden oder mich in meiner Art und Weise zu kritisieren.

Ich hoffe sehr, dass Dir dieser Beitrag gefallen hat und er Dir vielleicht etwas Inspirationen geben konnte.

Passt auf Euch auf!

Emmy

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