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Meditation zeigt unabhängig von Kultur und Religiosität positive Effekte auf körperliches Wohlbefinden und kognitive Prozesse wie Aufmerksamkeit und Konzentration. Mit steigender Meditationspraxis steigern sich diese Effekte und die bewusste Steuerung von Prozessen im Gehirn wird zunehmend verbessert. Doch wie wirkt Meditation überhaupt im Gehirn? Und was hat das Ganze mit Bewusstsein zu tun? Ein Überblick.

Meditation und Achtsamkeit existieren als Konzepte in der fernöstlichen Kultur bereits seit mehreren Tausend Jahren. Seit sich Siddharta Gautama – später bekannt als Buddha –  der Sage gemäß nach Jahren der Meditation unter einen Baum setzte und zur Erleuchtung gelangte, erscheinen Meditation und Buddhismus als untrennbar. Doch auch im Christentum und dem Islam sind meditative Zustände fester Bestandteil spiritueller Praxis und mit zunehmender Beschleunigung unseres Alltags auch immer häufiger Teil eines nicht-religiösen Lebensstils.

Seit der Entdeckung meditativer Zustände im Sinne universeller und kulturunabhängiger Phänomene setzten sich auch Medizin und Psychologie vermehrt mit Konzepten wie Achtsamkeit auseinander. Nachdem sich die Psychotherapie durch die verhaltenstherapeutischen Ansätze zunächst stark auf Verhalten und dann auf kognitive Prozesse (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, eigene Werte und Überzeugungen) konzentrierte, verschob die sogenannte Dritte Welle der Psychotherapie den Fokus auch in Richtung achtsamkeitsbasierter Interventionen [1]. Mit der mindfulness-based cognitive therapy wurde sogar eine eigene Therapierichtung geschaffen, welche wirksam Folgen von Traumata wie der Posttraumatischen Belastungsstörung behandelt [2]. Seither sind Meditation und Achtsamkeit auch gängigere Begriffe im Mainstream der Wissenschaften geworden. Doch was bewirkt Meditation in unserem Gehirn? Und was hat das Ganze mit unserem Bewusstsein zu tun?

Nicht nur die Wirksamkeit in der Therapie wurde untersucht, auch in der Neuropsychologie wurde der Effekt von Meditation auf ältere Personen mit kognitiven Defiziten aufgrund von Alzheimer-Demenz und ihrer Vorstufen beleuchtet [3]. Probanden einer entsprechenden Studie durchliefen ein achtwöchiges Meditationstraining, welches pro Tag weniger als eine Viertelstunde einnahm. Mittels aufwändiger bildgebender Verfahren konnte eine erhöhte Aktivität (d.h. erhöhte Durchblutung) verschiedener Areale im Gehirn erfasst werden, die am sogenannten Default Mode Network (DMN) beteiligt sind, einem Netzwerk, das bei Menschen im Ruhezustand aktiv ist. Dieses Netzwerk stellt grob umrissen die Grundaktivität dar, wenn wir nicht auf eine spezielle Aufgabe fokussiert sind und ist der Ausgangspunkt für folgende konzentrierte Tätigkeiten. Diese Ruheaktivität des DMN ist bei neurologischen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz beeinträchtigt [4], da die Kommunikation der Neurone durch diese immer stärker behindert wird – bis sie letztlich zusammenbricht. Die Probanden, die das achtwöchige Training durchliefen, zeigten eine höhere kognitive Flüssigkeit im Abruf, waren also beispielsweise in der Lage mehr Tiere innerhalb einer Minute zu nennen, und stellten eine subjektive Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeit fest.

Natürlich kann Meditation die neurologischen Prozesse nicht endgültig aufhalten, sobald die Erkrankung eingesetzt hat, doch zeigen weitere Befunde, dass bei Personen mit viel Meditationspraxis die Dicke des Cortex, also der obersten Schicht des Gehirns, erhöht ist in Regionen, die mit der eigenen Körperwahrnehmung und Aufmerksamkeit zusammenhängen [5]. Eine dickere Schicht des Cortex wirkt wie eine Reserve, die bei altersbedingten Rückgängen der Gehirnmasse einen Puffer schafft, der verhindert, dass pathologische Phänomene wie die Alzheimer-Demenz bereits früh auftreten. Stattdessen wird das vorherige Funktionsniveau möglichst lange aufrechterhalten [6]. Meditation leistet also möglicherweise als ein stimulierender Faktor für bestimmte neuronale Netzwerke einen Beitrag zu diesem Puffer, der sich auch in einer dickeren Schicht in verschiedenen Regionen des Cortex niederschlagen kann und – wie ein vielseitiger und aktiver Lebensstil generell – gegen altersbedingte Einbußen schützt. Denn entgegen des gängigen Sprichwortes gilt in unserem Gehirn: „mehr ist mehr“. Mehr Neurone und insbesondere mehr Verbindungen zwischen ihnen in neuronalen Netzwerken schützen vor späteren kognitiven Beeinträchtigungen im Alter. Wie Meditation genau wirkt und ob sie einen spezifischen schützenden Faktor darstellt, muss in diesem Zusammenhang jedoch noch genauer beleuchtet werden, um auch stärker kausale Effekte zu belegen.

Doch nicht nur auf Personen mit körperlichen oder psychischen Leiden zeigt Meditation gesundheitsförderliche Effekte. Meditation wirkte sich positiv auf körperliche Indikatoren wie die Herzratenvariabilität bei Teilnehmern eines Retre ats aus. Die Herzratenvariabilität kann als ein Maß der Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems betrachtet werden [7]. Die Teilnehmer des Retreats

berichteten auch eine erhöhte Zufriedenheit mit ihrem Leben und ein höheres subjektives Wohlbefinden und das nach lediglich zehn Tagen. Solche Befunde sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Meditation aber vor allem auch eines braucht: Übung.

Meditation ist, anders als häufig angenommen eine Fertigkeit, die man erlernen muss und die – ähnlich wie das Erlernen des Fahrradfahrens, eines Tanzes oder einer neuen Sportart – ihre Zeit braucht. Bereits kurze Meditationen über wenige Wochen zeigen zwar bereits Effekte, doch mit steigender Praxis steigern sich diese Effekte oder es kommen andere hinzu. Personen, die bereits lange Zeit meditierten, konnten in Meditationsübungen im Zuge einer Studie ihre Gehirnaktivität stärker beeinflussen [8]. Bei der Ableitung der elektrischen Aktivität der Neurone fanden sich bei Personen mit fortgeschrittener Meditationserfahrung diese sogenannten elektrischen Potenziale verstärkt im Bereich von Gamma-Wellen, die im Zusammenhang mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprozessen gebracht werden. Etwas weniger technisch ausgedrückt: Die Schwingungen, die in unserem Gehirn entstehen, wenn Nervenzellen feuern, konnten von Personen mit längerer Meditationserfahrung besser beeinflusst werden. Und nicht nur das. Auch die Synchronisation zwischen beiden Gehirnhälften wurde von diesen fortgeschrittenen Probanden gezielter hergestellt. Das sollte jedoch Anfänger nicht entmutigen, denn auch hier fand sich ein linearer Zuwachs mit dem Ausmaß der Zeit, die man mit Meditation verbrachte. Wer also auf 45 Jahre Erfahrung zurückblickte, konnte „seine Gamma-Wellen“  besser beeinflussen, als jemand, der seit 15 Jahren meditierte und jemand, der erst wenige Monate meditierte konnte dies besser als jemand, der es gerade erst begann. Wer mit Gamma-Wellen nicht allzu viel anfangen kann, für den haben einige Wissenschaftler einen etwas griffigeren Begriff parat: Bewusstsein. Eine prominente Position der Bewusstseinsforschung besteht in der Hypothese, dass Schwingungen durch neuronale Aktivität, die in der Frequenz von etwa 40 Hertz (und damit im Bereich der Gamma-Wellen) liegen, unser Bewusstsein hervorbringen [9]. Auch die Synchronisation, also das gemeinsame Feuern von Neuronen spielt hierbei gemäß dieser Hypothese eine bedeutsame Rolle für das Bewusstsein. Sowohl die gezielte Manipulation von Gamma-Wellen und der Synchronisation der Neuronenaktivität durch Meditation könnten also tatsächlich dazu beitragen, dass Personen mit wachsender Übung Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit verändern, aber auch das Bewusstsein gezielter beeinflussen. Wenn Sie also künftig nicht mehr von bewusstseinserweiternden Erfahrungen während Ihrer Meditation sprechen wollen, um kritische Blicke zu vermeiden, können Sie zu der synchronen Stimulation Ihrer interhemisphärischen Gamma-Wellen-Aktivität referieren. Auch wenn es die anderen dann nicht mehr tun: Wir verstehen  Sie.

Wissen in der Nussschale: Was sollten Sie mitnehmen?

  • Meditation wirkt auf körperliche Parameter und Prozesse – unabhängig von der eigenen Kultur und auch für nicht-religiöse Menschen
  • Meditation verändert kognitive Prozesse wie Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Meditation hilft gesunden Personen und Personen mit pathologischen Veränderungen im Gehirn hinsichtlich subjektiver Faktoren wie dem eigenen Wohlbefinden, aber wirkt auch auf objektive Aspekte wie die Flüssigkeit des Abrufs
  • Mit steigender Meditationserfahrung können Personen Prozesse im Gehirn gezielter steuern und verändern (Stichwort: Gamma-Wellen-Aktivität)
  • Meditation benötigt Übung – hilft aber auch schon in kleinen Dosen

Quellen:

[1] Heidenreich & Michalak (2013). Die „dritte Welle“ der Verhaltenstherapie – Grundlagen und Praxis. Weinheim: Beltz.

[2] Sears, R. W., & Chard, K. M. (2016). Mindfulness-based cognitive therapy for posttraumatic stress disorder. Hoboken, NJ: John Wiley & Sons Inc.

[3] Newberg, A. B., Wintering, N., Khalsa, D. S., Roggenkamp, H., & Waldman, M. R. (2010). Meditation effects on cognitive function and cerebral blood flow in subjects with memory loss: a preliminary study. Journal of Alzheimer’s Disease, 20(2), 517-526.

[4] Greicius, M. D., Srivastava, G., Reiss, A. L., & Menon, V. (2004). Default-mode network activity distinguishes Alzheimer’s disease from healthy aging: evidence from functional MRI. Proceedings of the National Academy of Sciences, 101(13), 4637-4642.

[5] Lazar, S. W., Kerr, C. E., Wasserman, R. H., Gray, J. R., Greve, D. N., Treadway, M. T., … & Rauch, S. L. (2005). Meditation experience is associated with increased cortical thickness. Neuroreport, 16(17), 1893-1897.

[6] Nyberg, L., Lövdén, M., Riklund, K., Lindenberger, U., & Bäckman, L. (2012). Memory aging and brain maintenance. Trends in cognitive sciences, 16(5), 292-305.

[7] Krygier, J. R., Heathers, J. A., Shahrestani, S., Abbott, M., Gross, J. J., & Kemp, A. H. (2013). Mindfulness meditation, well-being, and heart rate variability: a preliminary investigation into the impact of intensive Vipassana meditation. International Journal of Psychophysiology, 89(3), 305-313.

[8] Lutz A, Greischar LL, Rawlings NB, Ricard M, Davidson RJ (2004) Long-term meditators self-induce high-amplitude gamma synchrony during mental practice. Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA, 101(46), 16369-16373.

[9] Crick, F. & Koch, C. (1990) Toward a neurobiological theory of consciousness. Seminars in the Neurosciences 2:263–75.

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