Wie viel von unserem Leben halten wir für alternativlos, obwohl es nur unsere bisherige Perspektive ist? Die schwere Erkrankung ihres Vaters brachte Steph Reinhardt dazu, viele Gewissheiten zu hinterfragen. Was sie dabei über Sicherheit, Freiheit und die eigenen Möglichkeiten lernte, veränderte nicht nur ihren beruflichen Weg, sondern ihren Blick auf das Leben insgesamt.

Warum ist Sicherheit nicht immer erfüllend?
Nach dem Abitur machte Steph Reinhardt zunächst eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Geld bedeutete für sie damals vor allem Freiheit: unabhängig sein, sich Wünsche erfüllen und das Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten können. Trotzdem stellte sie sich zunehmend die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Während ihr damaliger Ehemann als Polizist täglich mit echten Schicksalen konfrontiert war, erschien ihr der eigene Berufsalltag oft wenig bedeutsam.
Auf Anregung ihres Vaters entschied sie sich schließlich für ein Studium im gehobenen Verwaltungsdienst und arbeitete anschließend neun Jahre beim Verfassungsschutz in Hessen. Von außen betrachtet war das ein sicherer und angesehener Karriereweg. Doch trotz der spannenden Aufgaben fehlte etwas. Die festen Strukturen und die starren Arbeitszeiten ließen wenig Raum für Selbstbestimmung.
Parallel startete sie nach ihrem Heiratsantrag einen Fitnessblog. Öffentlich über ihre Fortschritte zu berichten, sollte ihr helfen, ihre Ziele konsequent zu verfolgen. Themen wie Motivation, Gewohnheiten und Zielerreichung hatten sie schon lange fasziniert. Was als persönliches Projekt begann, führte zu ersten Kooperationen und Kontakten mit Sponsoren. Rückblickend betrachtet lagen hier bereits die ersten Anfänge ihrer späteren Selbstständigkeit, auch wenn sie das damals noch nicht ahnte.
Was passiert, wenn Sicherheit plötzlich keine Sicherheit mehr bietet?
Der entscheidende Wendepunkt kam, als ihr Vater an einem bösartigen Hirntumor erkrankte. Von einem Tag auf den anderen war nichts mehr planbar. Steph begleitete ihn zu Arztterminen und Untersuchungen und musste dafür ihren Erholungsurlaub einsetzen. Doch selbst dieser reichte nicht aus.
In dieser Zeit wurde ihr bewusst, wie abhängig sie von ihrem Arbeitgeber war. Die Sicherheit, die sie lange geschätzt hatte, fühlte sich plötzlich wie eine Einschränkung an. Sie wollte nicht, dass permanentes Organisieren, Funktionieren und Abhetzen ihre Zukunft bestimmen.
Der Tod ihres Vaters veränderte ihren Blick auf das Leben nachhaltig. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass Zeit keine Selbstverständlichkeit ist. Während ihrer Elternzeit setzte sie sich dann intensiv mit der Frage auseinander, wie sie leben will.
Ein Gedanke ließ sie dabei nicht mehr los: Sie wollte nicht irgendwann mit angesammelten Urlaubstagen, Überstunden und unerfüllten Ideen sterben. Der Wunsch, „leer zu sterben“ – also das eigene Potenzial und alle Möglichkeiten wirklich gelebt und ausgeschöpft zu haben – wurde zu einem starken Antrieb.
Gleichzeitig führte diese Erkenntnis zunächst auch zu einem enormen Druck. Plötzlich entstand das Gefühl, alles möglichst schnell erreichen zu müssen, bevor die Zeit abläuft. Heute beschreibt sie, dass sie mittlerweile einen gesünderen Mittelweg gefunden hat zwischen Ehrgeiz und Gelassenheit, zwischen Wachstum und bewussten Ruhephasen.
Wie erkennt man, dass mehr möglich ist, als man bisher geglaubt hat?
Mit der Geburt ihrer Tochter veränderten sich die Prioritäten ebenfalls. Steph wollte für ihr Kind da sein können, wenn es sie braucht – unabhängig von Krankheitstagen oder starren Regelungen. Gleichzeitig wurde ihr immer wichtiger, ihrer Tochter auch etwas vorzuleben. Sie wollte nicht bloß erzählen, was sie gerne tun würde, sondern es tatsächlich tun.
Durch Coachings, Seminare und die Begegnung mit Menschen, die ganz andere Lebensmodelle lebten als jene, die sie bisher kannte, begann sich ihr Blick zu erweitern. Dafür nutzt sie eine Metapher, die ihren eigenen Weg treffend beschreibt:

Das Leben und unsere Möglichkeiten gleichen einer Leiter, die scheinbar an einer Wolkendecke endet. Von unten sieht es so aus, als gäbe es dahinter nichts mehr. Lange glaubte auch sie, dass dort Schluss sei. Erst als sie begann, über die Wolkendecke hinauszuschauen, erkannte sie, wie viele Möglichkeiten jenseits dieser vermeintlichen Grenze liegen.
Als sie nach ihrer Elternzeit in ihren alten Job zurückkehrte, wurde der Kontrast immer deutlicher. Auf der einen Seite stand die Sicherheit des öffentlichen Dienstes. Auf der anderen Seite ihre Tätigkeit als Coachin, die sie zunehmend erfüllte.
Schließlich wagte sie den Schritt in die vollständige Selbstständigkeit. Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut hat.

Wie können wir unsere eigene Wolkendecke durchbrechen?
Heute begleitet Steph Reinhardt Menschen dabei, vom Aufschieben ins Umsetzen zu kommen. Dabei hat sie festgestellt, dass die meisten nicht an mangelndem Wissen scheitern. Viel häufiger fehlt ihnen ein starkes Warum.
Viele Menschen haben Ziele, aber keine Vision, die sie wirklich emotional bewegt. Es fehlt die innere Zugkraft, die sie auch dann in Bewegung hält, wenn es unbequem wird.
Deshalb spielen in ihrer Arbeit Vision Boards eine wichtige Rolle. Allerdings geht es ihr weniger um das eigentliche Board als um die Entwicklung einer Vorstellung davon, wie das eigene Leben aussehen und sich anfühlen soll. Denn erst wenn Menschen erkennen, was alles möglich sein könnte, entsteht häufig die Motivation, neue Wege zu gehen.
Gleichzeitig weiß Steph aus eigener Erfahrung, dass Entwicklung nicht nur in Coachings oder Seminaren stattfindet. Deshalb setzt sie auf mentale Trainingsimpulse für den Alltag. Über Audioformate und begleitende Angebote unterstützt sie dabei, auch zwischen einzelnen Sessions an ihren Themen dranzubleiben und Herausforderungen zu begegnen, ohne den eigenen Fokus zu verlieren.
Steph Reinhardts Weg zeigt: Was wir für feste Grenzen halten, ist oft nur unsere bisherige Perspektive. Manchmal braucht es nur den Mut, die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen. Denn hinter der Wolkendecke könnte deutlich mehr liegen, als wir bisher für möglich gehalten haben.
Anastasia Prut (Psychologiestudentin)
Du wünschst dir selbst mehr Klarheit, Sinn oder Mut für Veränderung? In der vollständigen Podcastfolge erzählt Steph, wie ihre eigenen Erfahrungen ihre Arbeit als Coachin prägen und wie sie Menschen dabei unterstützt, vom Nachdenken ins Handeln zu kommen
Website von Stephanie Reinhardt
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