Somatic Experiencing®- Revolution der Traumataverarbeitung?

Veröffentlicht am
16 Dezember 2025
Zuletzt aktualisiert
15 Dezember 2025
Kategorie
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Somatic experiencing - Titelbild

Somatic Experiencing (SE)® ist ein körperorientierter Ansatz zur Lösung von traumatischem Stress. Es ist das Lebenswerk des international anerkannten Traumaforschers und -therapeuten Dr. Peter A. Levine.

Ein Ereignis wird dann zum Trauma, wenn es unsere innere Schutzfähigkeit überfordert und wir uns überwältigt sowie hilflos fühlen. Traumatische Erfahrungen können sehr unterschiedlich sein, beispielsweise bei Unfällen, Krankheiten, Operationen, Verluste nahestehender Personen, Gewalterfahrungen, Vernachlässigung oder auch scheinbar alltäglichen Situationen wie medizinischen Eingriffe. Aus biologischer Sicht stehen uns in subjektiven Gefahrensituationen drei Reaktionen zur Verfügung: Flucht, Kampf oder Erstarrung. Gelingt es uns zu fliehen oder uns zu wehren, kehrt der Körper meist wieder ins Gleichgewicht zurück. Wenn wir jedoch erstarren und die dabei entstehende Überlebensenergie später nicht abbauen können, bleibt diese im Nervensystem „geladen“ oder „gefangen“. Der Körper bleibt im Alarmzustand. Diese blockierte Überlebensenergie bezeichnet man als Trauma.

Eventuell zeigen  sich die Symptome erst Jahre später als z.B. Überaktivität, Suchtverhalten, unkontrollierbare Wutausbrüche, Ängste, Panikattacken, Depression, Gefühle von Entfremdung, Konzentrationsstörungen, Dissoziation, Bindungsunfähigkeit, Schlafstörungen, Erschöpfung, chronische Schmerzen, Fibromyalgie, Migräne, Nacken- und Rückenprobleme, Probleme mit dem Immunsystem oder Burnout.

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Posttraumatische Symptome sind Versuche des Nervensystems, diese überschüssige Energie zu regulieren. SE®nutzt genau diese Energie als Ressource, um Traumata zu verarbeiten.

Wie funktioniert Somatic Experiencing®?

Somatic Experiencing® arbeitet mit den körperlichen Reaktionen auf traumatische Erfahrungen und richtet sich dabei an das autonome Nervensystem, das nicht willentlich gesteuert werden kann, sondern nur durch achtsame, wertfreie Aufmerksamkeit „eingeladen“ wird. Gründer der SE ist der Biophysiker, Psychologe, Psychotraumatologe und Autor Dr. Peter A. Levine.

Im Zentrum stehen das Wahrnehmen von Körperempfindungen, Impulsen, Emotionen, Bildern und Gedanken sowie das Aktivieren von Ressourcen. Wichtige Methoden sind Pendeln zwischen Belastung und Ressourcen, Zentrierung, Erdung, das Aufgreifen körperlicher Impulse und Titration (kleinschrittiges Vorgehen). Als Zielsetzung gilt es, die eingefrorene Überlebensenergie langsam und kontrolliert zu entladen, damit keine Retraumatisierung entsteht. So kann sich die, durch Trauma bestimmte, Erstarrung lösen und ein Gefühl von Handlungsfähigkeit entstehen.

Das Therapieverfahren ermöglicht, dass Trauma auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene neu verhandelt wird. Schrittweise entsteht mehr Sicherheit im eigenen Körper, was sich positiv auf Gefühle und Gedanken auswirkt. Ein Trauma gilt als integriert, wenn die Erinnerung daran möglich ist, ohne dass das Nervensystem in Stress gerät – es wird zu einem Teil der Lebensgeschichte, der nicht mehr das Leben bestimmt.

Eine Sitzung der Somatic Experiencing® wird durch die Grundhaltung geprägt, dass Trauma keine Krankheit oder Störung ist. Die körperliche und seelische Reaktion auf ein traumatisches Ereignis ist eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis.

In Somatic Experiencing® geht es darum, die Verbindung zu sich selbst und zum eigenen Körper wieder aufzunehmen, denn nach einem Trauma ist der Körper zum Gegner geworden. Er produziert Symptome, die unerklärlich sind und das Leben einschränken. Daher ist Aufklärung ein wichtiger Bestandteil der Sitzungen einer Somatic Experiencing®. Sie hilft zu verstehen, wie bestimmte Symptome mit erlebten Traumatisierungen zusammenhängen.

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Grundannahme und Neuro-/physiologische Wirkmechanismen bei Somatic Experiencing®

Somatic Experiencing® ist ein sogenanntes „bottom-up“-Körperverfahren, denn es richtet die Aufmerksamkeit auf interozeptive (innere) und propriozeptive (körperliche) Empfindungen, um nicht abgeschlossene, automatisierte Überlebensreaktionen „abzuschließen“ und dadurch die anhaltende Aktivierung des Nervensystems zu reduzieren. Das Verfahren vermeidet ein umfassendes Wiedererleben des Traumas, sondern arbeitet schrittweise über Körperwahrnehmung. Autor*innen schlagen vor, dass das Verfahren auf subkortikale Systeme (Brain-stem, limbisches System, autonome Reaktionen) wirkt: durch gesteigerte Interozeption und graduelle Entladung („titration“) kann eine funktionelle Re-Regulation des autonomen Nervensystems erfolgen, was Körpererleben, Affektregulation und anschließende Kognitionen positiv verändert. Dies wird als Wiederherstellung der flexiblen Reaktionsfähigkeit verstanden.

Evidenz und Befunde des Therapieverfahrens Somatic Experiancing®

Systematische Übersichtsarbeiten zeigen erste, aber begrenzte positive Effekte von Somatic Experiencing® auf posttraumatische Belastungsstörungen und somatische Symptome. Allerdings ist die Studienqualität heterogen, basiert häufig auf kleinen Stichproben oder methodisch eingeschränkt

Es existieren vereinzelte randomisierte Kontrollstudien. In einer Studie mit Patienten, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden oder gelitten haben, wird über deutliche Symptomreduktionen nach 15 Sitzungen berichtet, wobei starke Effekte auf Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung und Depressivität nachgewiesen wurden. Weitere Studien (z. B. in Schmerzrehabilitation) zeigen teilweise Reduktionen von Symptomen von posttraumatischen Belastungsstörung und Angst, allerdings inkonsistente Effekte auf Schmerzempfinden. In den bisherigen Studien wird auf methodische Limitationen verwiesen .

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Gemeinsamkeiten mit Meditation

Gemeinsam haben das Verfahren und Meditationen den Fokus auf das Nervensystem (z.B. durch achtsames Atmen) und Körperwahrnehmung/Achtsamkeit. Beide zielen langfristig auf eine bessere Selbstregulation. Als wesentliche Unterschiede gelten unterschiedliche Zielsetzungen (Entspannungsverfahren und therapeutischer Prozess), unterschiedlicher Umgang mit Aktivierung (Achtsamkeit und Titration) und „traumaspezifische“ Mechanismen wie pendeln.

Fazit

Abschließend stellt Somatic Experiencing® ein innovatives Konzept dar, wie wir traumatischen Erlebnissen begegnen und mit diesen weiterleben können. Wichtig ist die Betonung, dass bis dato wenig Studien und noch wichtiger keine Langzeitstudien über die Wirksamkeit des Verfahrens vorliegen.

Valerie T. (Psychologiestudentin)

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Quellen

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Brom, D., Stokar, Y., Lawi, C., Nuriel-Porat, V., Ziv, Y., Lerner, K., & Ross, G. (2017).
Somatic Experiencing for posttraumatic stress disorder: A randomized controlled outcome study. Journal of Traumatic Stress, 30(3), 304–312. https://doi.org/10.1002/jts.22189

Kuhfuß, M., Maldei, T., Hetmanek, A., & Baumann, N. (2021).
Somatic Experiencing—Efficacy, mechanisms, and theoretical foundations: A scoping review. European Journal of Trauma & Dissociation, 5(3), 100195. https://doi.org/10.1016/j.ejtd.2021.100195

Payne, P., Levine, P. A., & Crane-Godreau, M. A. (2015).
Somatic Experiencing®: Using interoception and proprioception as core elements of trauma therapy. Frontiers in Psychology, 6, 93. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.00093

Somatic Experiencing Deutschland. (o. J.). Was ist Somatic Experiencing? Somatic-Experiencing Deutschland. https://www.somatic-experiencing.de/was-ist-somatic-experiencing

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