Wenn sich ein Jahr dem Ende neigt, ist es für viele Menschen ein natürlicher Moment, um innezuhalten und Bilanz zu ziehen. Wir denken darüber nach, was gelungen ist, welche Pläne aufgeschoben wurden und welche Erfahrungen das eigene Leben geprägt haben. Genau an diesem Punkt sind wir schon mittendrin in der Selbstreflexion: dem bewusste Nachdenken über uns selbst, die eigenen Entscheidungen und Entwicklungen. Doch was verbirgt sich aus psychologischer Sicht hinter diesem Begriff? Wie kannst Du Selbstreflexion sinnvoll praktizieren – und welche Chancen eröffnen sich für persönliches Wachstum?
Was versteht man unter Selbstreflexion?
Laut D. Frey (2016) bedeutet Selbstreflexion, über sich selbst nachzudenken. Dieser Prozess beschränkt sich nicht nur auf das eigene Verhalten, sondern auch auf eigene Einstellungen, Werte, Interessen und Stärken.
Die Zeit der Selbstreflexion, die zum Jahresende entsteht, rührt daher, weil wir im Gegensatz zum stressigen Alltag plötzlich mehr Ruhe und Zeit für uns selbst haben. Diese Ruhe ermöglicht es uns, nach innen zu schauen und uns mit unseren eigenen Wünschen, Werten und Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Denn Hand aufs Herz: Wer nimmt sich im normalen Alltag schon die Zeit für eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Verhaltensmustern?
Selbstreflexion oder Achtsamkeit – ist das dasselbe?
Die Achtsamkeit grenzt sich durch zwei Aspekte ganz bewusst von der Selbstreflexion ab. Zum einen ist Selbstreflexion im Gegensatz zur Achtsamkeit meist durch eine negative Erfahrung ausgelöst. Zum anderen verfolgt die Selbstreflexion das konkrete Ziel, durch die Auseinandersetzung mit der negativen Erfahrung und dem damit einhergehenden Verhalten einen Erkenntnisgewinn für zukünftige, ähnliche Situationen zu erhalten.
Konkret soll die Selbstreflexion also Antworten auf die Frage „Wie kann ich mich in der Zukunft besser verhalten?” liefern. Im Gegensatz dazu ist die Achtsamkeit laut Frey nicht zweckorientiert und hat häufig nur zufällig Verhaltensänderungen zur Folge. Selbstreflexion verfolgt konkret das Ziel, Antworten auf die Frage „Wie kann ich mich künftig besser verhalten?“ zu finden. Sie ist also stärker zweck- und zukunftsorientiert. Achtsamkeit hingegen ist nicht auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet und ist das Wahrnehmen des Augenblicks, wobei mögliche Verhaltensänderungen eher als Nebenprodukt und nicht aus Absicht entstehen.
Selbstreflexion im Alltag
Wie können wir Selbstreflexion so gestalten, dass sie klarer, hilfreicher und konstruktiver wird? Zwei gezielte Fragen können dabei eine wertvolle Unterstützung sein.


1. Fragen zur Selbstreflexion: Wo stehe ich gerade?
Betrachte Deine Selbstreflexion am besten wie eine Bestandsaufnahme. Oft konzentrieren wir uns dabei zu stark auf das, was nicht gelungen ist oder was wir versäumt haben – und übersehen leicht, welche Herausforderungen wir gemeistert und welche Fortschritte wir erzielt haben. Eine ausgewogene Reflexion bedeutet deshalb, sowohl die Erfolge als auch die Rückschläge der vergangenen Zeit bewusst wahrzunehmen.
- Was lief gut in letzter Zeit?
- Worauf bist Du besonders stolz?
- Wie hast Du erreicht, was Du wolltest?
- Haben Dir dabei bestimmte Strategien weitergeholfen?
Lass Dir Zeit, alles Positive zu sammeln. Schreibe es am besten auf einen Zettel, damit Du es nicht vergisst. Sei stolz auf Dich und auf das, was Du erreicht hast. Und nachdem Du dies ausreichend gewürdigt hast, widme Dich den eher schlechten Dingen.
- Was ist Dir nicht so gut gelungen?
- Wo lagen Deine Schwächen bzw. die Schwierigkeiten?
- Hat Dir etwas gefehlt, weshalb Du nicht vorankamst?
- Hast Du vielleicht eine Strategie benutzt, die sich als ungünstig oder hinderlich herausgestellt hat?
Schreibe auch hier alles so detailliert wie möglich auf, denn im nächsten Schritt geht es darum, auf Basis dieser Bestandsaufnahme Pläne für eine erfolgreichere Zukunft zu schmieden.
2. Fragen zur Selbstreflexion: Wo will ich hin?
Sicher kamen bei den ersten Fragen viele positive, aber auch negative Emotionen in Dir auf. Anstatt sich auf diese zu fokussieren, solltest Du nun lösungsorientiert an die identifizierten Probleme herangehen.
Mache Dir bewusst, ob Deine Werte von damals immer noch die gleichen sind wie heute. Vielleicht hast Du erfolglos auf eine Beförderung hingearbeitet und Karriere stand für Dich an erster Stelle. Heute erscheint Dir dieses Ziel jedoch unwichtig? Deine Wertvorstellungen haben sich einfach geändert und Dir ist jetzt z.B. viel wichtiger, dass Du im privaten Umfeld möglichst viel Zeit mit Deinen Liebsten verbringst. Jeder von uns ändert seine Ziele oder Wertvorstellungen im Laufe des Lebens. Wichtig ist jetzt, dass Du dies anerkennst und alle veralteten Ziele und Werte von Deiner Liste streichst. Mache Dir Gedanken, was Dir aktuell wichtig ist.
Nutze dabei die Erkenntnisse aus Deiner Bestandsaufnahme und stelle Dir weiterführende Fragen:
- Was ist Dir immer noch wichtig und wie kannst Du es zukünftig besser erreichen?
- Welche Fehler hast Du gemacht und wie kannst Du aus ihnen zukünftig lernen?
- Was hast Du bereits gut gemacht und wie kannst Du dies auch in Zukunft strategisch weiter umsetzen?
Sei auch hier so detailliert und konkret wie möglich. Erstelle Dir eine Übersicht über Deine Pläne für die Zukunft.

Von der Selbstreflexion zur Handlung
Jetzt, wo Du hoffentlich einen guten Überblick über Deinen Selbstreflexionsprozess bekommen hast, liegt es an Dir, ob Du in Zukunft Deinen Werten entsprechend handelst. Reflektiere ruhig öfter als nur einmal im Jahr. Denn schon Dalai Lama sagte: „Verbringe jeden Tag einige Zeit mit Dir selbst”. So schaffst Du mehr Bewusstsein darüber, wo Du im Leben stehst und wo Du gerne hin möchtest.
Vielleicht hast Du bei Deiner Selbstreflexion gemerkt, dass Du gerne etwas in Deinem Leben verändern möchtest. In weiteren Blogbeiträgen von uns erfährst Du, wie Du Veränderungen gut angehen und umsetzen kannst.
Überarbeitet von Amina B. (BA, BSc)
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1 Kommentar
Mindfulife
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