„Medientante“ mit ADHS – behind the scenes. Im Gespräch mit nessadhs

Veröffentlicht am
9 April 2026
Zuletzt aktualisiert
9 April 2026
Kategorie
Alle Artikel
Vanessa Ebert – auf Social Media vielen besser bekannt als nessadhs.

Vanessa Ebert – auf Social Media vielen besser bekannt als nessadhs – nennt sich selbst „Medientante“. Ein Begriff, der ihre Arbeit erstaunlich gut trifft: Sie verbindet Content Creation mit fundiertem Medienwissen, geprägt durch ihr Studium der Medienforschung, ihre Erfahrung im Livestream-Bereich und ihre aktuelle Arbeit im Social-Media-Kontext.

Ihr Weg zum heutigen Content begann jedoch nicht strategisch, sondern persönlich. Während der Corona-Zeit litt sie unter Panikattacken, ließ ihre ADHS-Diagnose (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) bestätigen und stellte fest, dass der bestehende Content zu dem Thema sie nicht abholte. Zu monoton, zu wenig dynamisch. Also begann sie, selbst Inhalte zu produzieren und zu veröffentlichen – ohne großen Plan, sondern so, wie es sich für sie richtig und ästhetisch anfühlte.

Schreibtisch mit Buch, welches leer ist mit Stift.

Wie entsteht Content ohne Strategie?

Einen klassischen Plan gibt es bei Vanessa nicht. Keine festen Upload-Zeiten, keinen Content-Kalender. Stattdessen: 100 % Bauchgefühl.

Wenn eine Idee kommt, setzt sie sie um – oft sofort und manchmal stundenlang ohne Pause. Videos werden dann auch nachts hochgeladen, einfach weil sie den Wunsch hat, ein Thema mit anderen zu teilen. Perfektion steht für sie nicht im Vordergrund. Ihr ist wichtiger, dass die Ideen überhaupt ihren Weg nach außen finden.

Diese Arbeitsintensität bringt jedoch Extreme mit sich: Phasen intensiver Produktivität wechseln sich mit Erschöpfung ab. Vanessa beschreibt ihre Leidenschaft für das, was sie tut, als „das Beste und das Schlimmste zugleich“.

Ein möglicher Erklärungsansatz liegt im sogenannten Hyperfokus: Menschen mit ADHS können bei stark intrinsisch motivierenden Aufgaben in Zustände intensiver Konzentration geraten, in denen sie alles um sich herum ausblenden (Ashinoff & Abu-Akel, 2019). Diese Phasen können außergewöhnlich produktiv sein, aber auch dazu führen, dass körperliche Grenzen übergangen werden.

Bild zu ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)

Wie prägt ADHS Vanessas kreatives Arbeiten?

Für Vanessa ist ADHS keine „Superkraft“, sondern eher ein Frühwarnsystem. Sie nimmt Stimmungen schnell wahr, merkt, wenn etwas kippt oder sich nicht stimmig anfühlt. Dieses Gespür beeinflusst auch ihre Themenwahl: Sie spricht über Dinge, die ihrer Meinung nach missverstanden werden oder zu wenig Beachtung finden.

Gleichzeitig ist ihr Arbeiten stark von Intensität geprägt. Sie kann an einem Tag extrem viel leisten – braucht danach aber Zeit, um wieder zur Ruhe zu kommen. Ihre Hyperaktivität zeigt sich dabei vor allem im Inneren: Gedanken, die kreisen und kaum stillstehen.

Was sie antreibt, ist vor allem intrinsische Motivation. Forschung zeigt, dass Menschen mit ADHS besonders stark auf Aufgaben reagieren, die sie persönlich interessieren oder emotional ansprechen, und dabei ein hohes Maß an Engagement entwickeln (Hupfeld et al., 2019). Genau diese Dynamik spiegelt sich auch in Vanessas Arbeitsweise wider.

Authentizität ist dabei keine bewusste Strategie, sondern Voraussetzung: In ihren Videos kann sie nur sie selbst sein – alles andere wäre zu anstrengend.

Frau mit der Aufschrift Authentizität- Unterschrift sei ganz du selbst.

Was passiert, wenn Struktur von außen kommen muss?

So sehr Vanessa auch auf Intuition setzt, zeigt sich an anderer Stelle auch, wie wichtig äußere Struktur sein kann. Beim Schreiben ihres Buches brauchte sie genau diese Hilfe: Sie bat ihre Mutter, sie regelmäßig zum Schreiben “einzuschließen” und anschließend zu kontrollieren, ob sie tatsächlich etwas geschrieben hatte.

Nicht, weil es ihr an Ideen fehlte – im Gegenteil. Die Geschichte war in ihrem Kopf bereits vollständig vorhanden. Das Schreiben selbst beschreibt sie wie das erneute Anschauen eines Films, den sie schon kennt.

Gerade hier zeigt sich das Spannungsfeld zwischen innerer Klarheit und äußerer Umsetzung: Während Ideen detailliert und präsent sind, kann der Schritt zur tatsächlichen Umsetzung Struktur von außen erfordern.

Wie findet sie Ausgleich zur ständigen Intensität?

Regelmäßigkeit passt kaum zu ihrem Arbeitsstil. Feste Routinen verlieren für sie schnell ihren Reiz, weshalb sie immer wieder neue Impulse sucht – aktuell zum Beispiel auf Twitch.

Umso wichtiger ist ein Ausgleich. Für Vanessa ist es das Tanzen. Es ist eine Art Meditation für sie, bei der sie aus ihrem Gedankenkarussell aussteigen kann. Ein Moment, in dem sie nicht kontrollieren muss, sondern sich führen lässt.

Was bleibt?

Am Ende steht kein klassisches Erfolgsrezept, sondern eine klare Haltung: „Seid cringe.“

Wenn man Lust auf etwas hat, sollte man es einfach machen, ohne sich von Perfektionismus oder der Angst vor Bewertung aufhalten zu lassen.

Vanessas Weg zeigt: Kreatives Arbeiten mit ADHS ist nicht linear. Es ist intensiv, widersprüchlich und manchmal überfordernd. Aber genau darin liegt auch die Stärke.

Oder, um es auf ihre Art zu sagen:
Manchmal reichen 100 % Bauchgefühl.

Du möchtest mehr über Vanessas kreatives Schaffen und ihren Umgang mit ADHS erfahren? Dann höre jetzt gerne in die komplette Podcastfolge rein. Viel Spaß!

Anastasia Prut (Psychologiestudentin)

Online meditieren mit dem Mindfulife Online-Meditationsstudio

Wenn du das Meditieren selbst ausprobieren willst, heißen wir Dich in unserem Online-Meditationsstudio bei Eversports herzlich willkommen. Bequem von Zuhause aus kannst Du an einer unserer zahlreichen von Expert:innen geleiteten live Meditation-Sessions oder Audio-Meditationen teilnehmen.

Wir freuen uns auf Dich!

Instagram

Lass dich auf Instagram von kleinen Achtsamkeitsmomenten, praktkischen Tipps und inspirienden Impulsen begleiten – folge uns auf @mindfulife.de

Quellen

Ashinoff, B., & Abu-Akel, A. (2019). Hyperfocus: The forgotten frontier of attention. Psychological Research, 85, 1–19. https://doi.org/10.1007/s00426-019-01245-8

Hupfeld, K., Abagis, T., Osborne, J., Tran, Q., & Shah, P. (2019). Living “in the zone”: Hyperfocus in adult ADHD. ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, 11, 191–208. https://doi.org/10.1007/s12402-018-0272-y

Hinterlasse den ersten Kommentar

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner /*Eversports script*/