In unserer schnelllebigen Welt bleiben auch Kinder nicht von Stress, Hektik und Leistungsdruck verschont. Umso wichtiger ist es, im Alltag immer wieder kleine Entspannungsinseln zu schaffen, die dem kindlichen Gehirn eine Auszeit ermöglichen.
Eine Möglichkeit für eine solche Insel kann eine Kindermeditation sein. In diesem Artikel erfährst Du, warum Kindermeditationen wirksam sind, was Du beachten solltest, wenn Du mit Kindern meditieren möchtest und wie eine gut strukturierte Meditationspraxis mit Kindern aussehen kann.
Meditieren mit Kindern?!
Kindermeditation kann zunächst ein wenig kontraintuitiv wirken. Schließlich haben viele Erwachsene Schwierigkeiten, während der Meditation eine gewisse Zeit lang still zu sitzen – wie soll das dann Kindern gelingen, deren Bewegungsdrang viel größer ist?
Hierzu lässt sich sagen, dass eine Kindermeditation nicht beinhaltet, einfach nur in stiller Konzentration zu sitzen (auch wenn dies für manche Übungen wichtig ist). Zur Meditation gehören auch aktive Techniken, die unseren Geist trainieren.
Während es im westlichen Teil der Welt eher eine neuere Idee ist, mit Kindern zu meditieren, sieht dies in der östlichen Welt oft anderes aus. In Indien oder anderen Ländern mit starken buddhistischen Einflüssen sind Meditationen in der Tradition tief verwurzelt. Kinder bekommen die Meditationspraxis von Eltern und Lehrern vermittelt, wobei die Übungen an das Alter der Kinder angepasst werden.

Wie wirkt eine Kindermeditation?
Physiologisch haben Meditationen auf Kinder dieselben Auswirkungen wie auf den erwachsenen Organismus. Meditationen können Angstzustände reduzieren, die Selbstwahrnehmung verbessern, die Aufmerksamkeitsspanne erhöhen, Schlafprobleme reduzieren und Entzündungswerte im Körper verringern. Dies konnte in zahlreichen wissenschaftlichen Studien gezeigt werden. Natürlich haben Kinder in der Regel noch keine gesundheitlichen Beschwerden wie Bluthochdruck oder andere stressbedingte Herz-Kreislaufprobleme. Studien zeigen aber, dass beispielsweise die Anzahl der Kinder mit regelmäßigen Spannungskopfschmerzen oder Schlafstörungen in den letzten Jahren ansteigt.
Inzwischen gibt es auch einige Studien, die die Effektivität von meditationsbasierten Programmen für bestimmte Krankheitsbilder bei Kindern untersucht haben. Es fanden sich zum Beispiel Hinweise darauf, dass Meditationen bei Kindern mit ADHS sowohl Verhaltensprobleme als auch Schlafstörungen reduzieren können. Auch zeigen einige Studien positive Effekte für kindliche Kopfschmerzen oder innerfamiliäre Probleme bei Kindern mit einer Störung aus dem Autismus-Spektrum.
Welche Rolle spielt das Alter der Kinder?
Fähigkeiten und Bedürfnisse entwickeln sich in der Kindheit in rasantem Tempo. Obwohl die grundlegende Art der Übungen bei Kindermeditationen für alle Altersstufen im Prinzip dieselbe ist, müssen Details und die Art der Präsentation auf das Entwicklungsstadium angepasst werden. Je jünger das Alter der Kinder, desto kürzer ist in der Regel die Aufmerksamkeitsspanne, weshalb Du die Länge der Einheiten auf das Alter abstimmen solltest. Welche Dinge Du noch beachten solltest, verraten wir Dir hier.
Meditieren mit Fünf- bis Achtjährigen
In diesem Alter ist die Fähigkeit des abstrakten Denkens noch nicht oder nicht vollständig ausgeprägt. Deshalb sollte alles, was Du in deinen Kindermeditationen nutzen möchtest, mit praktischen Erfahrungen zusammenhängen, also mit Dingen, die sie schon gesehen, gehört oder berührt haben. Außerdem mögen Kinder in diesem Alter Geschichten, Reime und Lieder. Als Vorbereitung auf die Meditation ist zum Beispiel eine gute Übung, nach einer Geschichte die Augen zu schließen und sich die Figuren oder Handlungen genau vorzustellen.
Meditieren mit Neun- bis Zwölfjährigen
In dieser Altersgruppe entwickeln sich Allgemeinwissen und kognitive Fähigkeiten sehr schnell. Das Verständnis abstrakter Vorstellungen ist meist immer noch schwierig, weshalb Du neuartige Dinge, die Du vermitteln möchtest, noch immer mit Bekanntem in Verbindung bringen solltest. Außerdem steigt in diesem Alter das Bedürfnis nach Interaktion. Sie möchten mitbestimmen, diskutieren und Antworten auf ihre Fragen. Darauf solltest Du in deinen Kindermeditationen eingehen und nicht erwarten, dass sie angeleitete Übungen einfach passiv ausführen.
Meditieren mit Jugendlichen
Mit dem Eintritt in das Teenager-Alter wenden sich Jugendliche meist von allem ab, was ihnen in irgendeiner Weise kindlich erscheint. Daher sollten Meditationen in diesem Alter nicht zu kindlich oder spielerisch sein. Da das abstrakte Denken in diesem Alter ausreift, steigt das Spektrum der Meditationsübungen, die Du nutzen kannst. Falls Du mit mehreren Jugendlichen übst, wird es zunehmend wichtig, dass es Dir gelingt, die Aufmerksamkeit der ganzen Gruppe zu fesseln, denn bei Jugendlichen gewinnt die Gruppe der Gleichaltrigen immer mehr an Bedeutung.

Was gibt es außer dem Alter der Kinder beim Meditieren zu beachten?
Wichtig ist, dass Du nicht zu viel erwartest, wenn Du mit Kindern meditieren möchtest. Achte darauf, dass Du nicht enttäuscht oder ungeduldig reagierst, wenn etwas nicht so klappt, wie Du es Dir vorgestellt hast. Denke daran, dass Deine Kindermeditation ein Angebot ist – letztendlich bleibt es dem Kind überlassen, ob es dieses Angebot annehmen will oder nicht. Freiwilligkeit stellt eine Grundvoraussetzung dafür dar, ob Meditation überhaupt irgendeinen Nutzen haben kann.
Wenn Du mit mehreren Kindern meditieren möchtest, kannst Du von Anfang an betonen, dass es sich beim Meditieren nicht um einen Wettbewerb handelt. Oft haben Kinder schon früh den Eindruck bekommen, dass sie ständig miteinander verglichen werden und fragen sich dann, ob sie beim Meditieren so gut sind wie die anderen oder wollen „der/die Beste“ sein. Daher solltest Du auch nach Möglichkeit keine einzelnen Kinder loben, sondern eher die ganze Gruppe.
Außerdem solltest Du Deine Erklärungen möglichst einfach formulieren, vor allem wenn Du Meditationen für jüngere Kinder anbieten möchtest. Ermutige die Kinder dazu, sich zu äußern und über das, was sie erleben, zu sprechen. Aber denke auch daran, dass Kinder auch versuchen, sich in ihren Ausführungen zu übertrumpfen. Wenn Du merkst, dass sich Fantasie in die Schilderungen mischt, solltest Du das Gespräch behutsam beenden oder in eine andere Richtung lenken.
Wie kann eine Kindermeditation konkret aussehen?
Als Einstieg in die Kindermeditation eignen sich Übungen zur Förderung der Achtsamkeit hervorragend. Sie bereiten gut auf spätere intensivere Konzentrationsübungen vor und können spielerisch verpackt werden, sodass Kinder in der Regel viel Spaß haben werden.
Kims Spiel
Diese Übung hat den Namen aus dem Roman Kim von Rudyard Kipling und ist eine gute Übung für die Entwicklung von Achtsamkeit. Du brauchst dazu ein Tablett mit möglichst verschiedenen Gegenständen, ein Tuch und für jedes Kind Zettel und Stift. Bei kleineren Kindern, die noch nicht schreiben können, entfallen Zettel und Stift. Sie können sich auch einfach mündlich äußern.
Lege die Gegenstände auf das Tablett und achte darauf, dass zwischen den einzelnen Gegenständen so viel Platz ist, dass sie klar erkennbar sind. Die Kinder bekommen das Tablett für eine bestimmte Zeitspanne präsentiert. Sie dürfen die Gegenstände nicht berühren und sollten nach Möglichkeit nicht miteinander sprechen. Dann stellst Du das Tablett außer Sichtweite oder deckst es mit einem Tuch ab. Nun notieren die Kinder alle Gegenstände, die sie erinnern.
Du wirst merken, dass die meisten Kinder schnell besser in dem Spiel werden oder bestimmte Systeme entwickeln, um sich mehr Gegenstände merken zu können. Wie viel Zeit Du zur Betrachtung gibst und wie viele Gegenstände Du präsentierst, hängt vom Alter der Kinder und der Zusammensetzung der Gruppe ab.
Achtsamer Alltag
Bei dieser Achtsamkeitsübung sollen Kinder einen Gegenstand aus dem Kopf zeichnen, mit dem sie zuhause täglich zu tun haben. Dies kann zum Beispiel ihre Zahnbürste, die Brotdose, der Tornister oder irgendein anderer, gerade nicht sichtbarer Gegenstand sein. Stelle klar, dass es sich nicht um einen Zeichenwettbewerb handelt, sondern darum, den Gegenstand so genau wie möglich zu zeichnen.
Fordere die Kinder anschließend auf, sich den ausgewählten Gegenstand bis zur nächsten Meditationssitzung zuhause mehrmals aus allen Blickwinkeln anzuschauen. Bitte die Kinder, den Gegenstand in der Zwischenzeit nicht nochmal zu zeichnen (manche Kinder machen dies vielleicht trotzdem, das ist nicht weiter schlimm). Bei der nächsten Sitzung lässt Du die Kinder den Gegenstand erneut zeichnen.
Wichtig ist, dass Du anschließend mit den Kindern besprichst, warum die Zeichnungen nun genauer geworden sind. Lass die Kinder eigene Ideen entwickeln. Zwischen den beiden Zeichnungen ist etwas passiert – was war das? Versuche zu verdeutlichen, dass es nicht nur daran lag, dass sie sich den Gegenstand mehrmals angesehen haben, denn gesehen hatten sie ihn ja auch schon vorher viele Male. Dies ist eine gute Gelegenheit, Kindern zu verdeutlichen, was Achtsamkeit überhaupt ist und wie sie unsere Sicht auf die Welt verändern kann.
Atemmeditation mit Kindern

Die Arbeit mit der Atmung ist die Grundlage vieler Meditationsübungen und bietet sich auch für die Kindermeditation an. Leite die Kinder an, eine Meditationshaltung zu finden. Falls möglich, ist es hilfreich, wenn die Kinder die Augen schließen, um Ablenkungen zu vermeiden.
Anschließend kannst Du eine kurze Anleitung geben. Diese könnte in etwa so aussehen:
Achtet jetzt mal auf eure Atmung. Vielleicht könnt ihr spüren, dass ihr an eurer Nase beim Einatmen ein kühles Gefühl habt. Könnt ihr spüren, dass sich die Luft beim Ausatmen an eurer Nase wärmer anfühlt? Stellt euch vor, ihr wärt ein Wachtposten in eurer Nase, der alles mitbekommt, was durch diese Stadttore rein und raus geht. Wenn sich ein anderer Gedanke dazwischendrängt, könnt ihr ihn einfach als jemanden sehen, der euch von eurer Aufgabe ablenken will. Beachtet ihn nicht weiter und beobachtet weiter euer Tor.
Wenn Du mit Kindern arbeitest, die schon sicher zählen können, ist es eine gute Hilfe, die Atemzüge zu zählen. Fordere die Kinder auf, beim ersten Einatmen „eins“ zu zählen und die „Eins“ beim Ausatmen zu wiederholen. Bei der nächsten Einatmung zählen sie „zwei“ und so weiter. Das Zählen hilft, sich auf die Atmung zu konzentrieren und erleichtert es, zur Atmung zurückzukehren, wenn ablenkende Gedanken auftauchen.
Für ein konkretes Beispiel einer spielerischen Atemmeditation für kleinere Kinder schau Dir gerne diesen Beitrag auf dem Phil-Pham-Kanal bei YouTube an!
Abschluss der Meditation
Nach jeder Meditationssitzung solltest Du den Kindern Gelegenheit geben, Fragen zu stellen. Halte alle Erklärungen während der Sitzung möglichst einfach. Du kannst Dich darauf verlassen, dass Kinder Dich fragen werden, wenn sie weitere Erklärungen wünschen, wenn Du ihnen Gelegenheit dazu gibst. Dies ist auch ein guter Moment, um über Schwierigkeiten zu sprechen, die während der Meditation aufgetreten sind.
Sind eigene Meditationserfahrungen nötig?
Prinzipiell kannst du eine Kindermeditation anleiten, auch wenn Du keine Meditationserfahrung hast. Aber wie bei allen Dingen im Leben ist es natürlich einfacher, etwas weiterzugeben, mit dem Du Dich durch eigene Erfahrungen gut auskennst. Das hat den Vorteil, dass Du mögliche Schwierigkeiten und Probleme schon von Deiner eigenen Praxis kennst und besser auf Fragen der Kinder reagieren kannst. Und gerade bei älteren Kindern solltest Du damit rechnen, dass sie Dich fragen werden, ob Du selbst meditierst.
Falls Du keine Meditationserfahrungen hast oder Deine Praxis vertiefen möchtest, schau doch mal in unserem Online-Meditationsstudio bei Eversports vorbei! Hier findest Du täglich mehrere Live-Meditationen, angeleitet von ausgebildeten Meditationslehrern.
Wir freuen uns auf Dich!
überarbeitet von Sarah B. (B.Sc. Psychologie)

1 Kommentar
Mindfulife
Hast Du schon einmal mit einem Kind oder mit mehreren Kindern meditiert? Welche Schwierigkeiten oder Herausforderungen sind dabei aufgekommen?