Der Begriff „hochfunktionale Depression“ taucht in den letzten Jahren vermehrt in den Medien auf, obwohl es sich nicht um eine offizielle Diagnose handelt. Erfahre in diesem Artikel, was eine hochfunktionale Depression ist, wie der wissenschaftliche Forschungsstand zu diesem Thema aussieht und wie Meditation und Achtsamkeit eine Unterstützung für Betroffene darstellen können.
Was ist eine hochfunktionale Depression?
Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Weltweit leiden etwa 5,7 % der Erwachsenen an Depressionen, allein in Deutschland sind nach Schätzungen über 4 Millionen Menschen betroffen. Laut WHO sind Depressionen weltweit die häufigste Ursache für Einschränkungen in der Handlungs- und Leistungsfähigkeit von Menschen und tragen somit enorm zur globalen Krankheitslast bei.
Das DSM-5, ein Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen, benennt Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit bei einer Person eine Depression diagnostiziert werden kann. Für mindestens zwei Wochen müssen gedrückte Stimmung und/oder ein Verlust von Interesse vorliegen. Zusätzlich zu diesen Hauptsymptomen müssen mindestens fünf weitere Symptome aufgetaucht sein, zum Beispiel Schlafstörungen, Appetitverlust oder verminderte Konzentrationsfähigkeit. Außerdem müssen die beschriebenen Symptome bedeutsame Beeinträchtigungen verursachen, sodass es zu Einschränkungen im beruflichen oder privaten Leben kommt.
Das Konzept der hochfunktionalen Depression beschreibt Menschen, bei denen sich Anzeichen für eine depressive Erkrankung finden, die aber gelernt haben, sich von ihren Symptomen abzulenken. Durch ständige Aktivität, zum Beispiel im Job oder auch im privaten oder sozialen Bereich, überdecken diese Menschen ihre negative Stimmung oder ihren Interessensverlust, sodass sie sich selbst nicht als depressiv beschreiben würden. Diese ständige Beschäftigung mit irgendetwas sorgt dann dafür, dass die Person keine Einschränkung in ihrer Funktionalität zeigt, wie sonst bei einer Depression üblich. Sie wird im Gegenteil eher hochfunktional, schafft also durch die ständige Aktivität besonders viel.

Warum ist eine hochfunktionale Depression dann ein Problem?
Nun fragst Du Dich vielleicht, warum hochfunktionale Depressionen dann überhaupt Gegenstand der aktuellen Diskussion sind. Schließlich funktioniert die betroffene Person gut in ihrem Alltag und würde von sich selbst gar nicht behaupten, dass sie sich schlecht fühlt – was also ist das Problem?
Ein Problem liegt darin, dass Betroffene sehr wohl Symptome haben, auch wenn diese durch ihre Bewältigungsstrategie etwas milder ausfallen können als bei Menschen, die die Diagnosekriterien einer Depression erfüllen. Auch wer an einer hochfunktionalen Depression leidet, fühlt sich ausgelaugt und erschöpft, empfindet weniger Freude, hat Schlafstörungen und leidet unter Selbstzweifeln. Da die Person aber insgesamt trotzdem noch gut funktioniert, sucht sie wahrscheinlich eher weniger nach Hilfe. Tut sie es doch, ist es oft schwierig, eine depressive Episode zu diagnostizieren. Denn für eine Diagnose ist ja die Funktionseinschränkung eine notwendige Voraussetzung.
Außerdem nehmen Forschende an, dass sich die Symptome der hochfunktionalen Depression mit der Zeit verschlimmern. So könnte dann die Strategie der ständigen Beschäftigung mit etwas nach und nach immer weniger funktionieren, sodass es schließlich doch zu einem Burnout oder zu einem Funktionsverlust und damit zu einer klassischen Depression kommt.
Was sagt die Forschung zum Thema hochfunktionale Depression?
Bisher ist Forschung in Bezug auf hochfunktionale Depressionen nur sehr wenig vorhanden. Dies liegt auf der einen Seite daran, dass dieser Begriff noch recht neu ist und noch gar nicht lange in der öffentlichen Diskussion stattfindet. Auf der anderen Seite taucht dieses Beschwerdebild wie bereits erwähnt in den gängigen Klassifikationssystemen für psychische Erkrankungen gar nicht auf. Da es die hochfunktionale Depression deshalb als diagnostizierbare Erkrankung gar nicht gibt, wurde sie bisher auch nicht intensiv beforscht.
Durch die öffentliche Diskussion um das Thema und auch aufgrund der Tatsache, dass Kliniker viele Menschen mit genau diesem Bild beobachten, gibt es inzwischen einige wenige Studien, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen. 2025 hat eine Gruppe aus amerikanischen Forschenden erste Instrumente entwickelt, um eine hochfunktionale Depression festzustellen. In einer Studie untersuchten sie, welche Faktoren mit einer hoch funktionalen Depression einhergehen, um das Verständnis für dieses Phänomen zu vertiefen.
In ihrer Studie befragten sie verschiedene Menschen unterschiedlichen Alters bezüglich ihrer hochfunktional-depressiven Symptome. Waren die Ausprägungen dieser Symptome hoch, bekam die Person einen hohen Wert auf einer HFD-Skala zugewiesen. Es zeigte sich, dass Menschen mit einem hohen Skalen-Wert (also mit vielen typischen Symptomen) über mehr traumatische Erfahrungen in ihrem Leben berichteten. Außerdem hatten sie höhere Ausprägungen in der sogenannten Anhedonie – sie empfanden also generell weniger Freude als Menschen mit geringen HFD-Werten. Eltern hatten generell höhere Werte auf den HFD-Skalen als kinderlose Menschen.

Was sagt die Forschung uns (noch) nicht?
Die beschriebene Studie der amerikanischen Forschungsgruppe ist ein erster Versuch, hochfunktionale Depressionen wissenschaftlich einzuordnen und erste Korrelate zu suchen. Breite wissenschaftliche Forschung zu dem Thema fehlt bisher.
Auch ist bisher wissenschaftlich keine Abgrenzung zur sogenannten persistierenden depressiven Störung erfolgt. Diese Diagnose gibt es in den Klassifikationssystemen psychischer Erkrankungen bereits. Sie bezeichnet eine Depressionsform, bei der über mindestens zwei Jahre eine gedrückte Stimmung und mindestens zwei weitere Symptome (wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, usw.) bestehen. Dabei dürfen die Symptome leichter ausgeprägt sein als bei einer klassischen Depression, müssen aber dennoch eine Beeinträchtigung verursachen. Um diese Diagnose zu stellen, müsste eine Person also schon Einschränkungen in ihrem Alltag erleben, was ja bei der hochfunktionalen Depression eher weniger der Fall ist.
Abgesehen von dieser Unterscheidung ähneln sich beide Konzepte jedoch sehr. Es gibt bisher keine Forschung dazu, ob die hochfunktionale Depression wirklich ein eigenständiges Syndrom ist, das sich von anderen Krankheitsbildern abgrenzen lässt. Vielleicht handelt es sich auch um eine Form der persistierenden depressiven Störung. Hier ist weitere Forschung nötig, um ein wirkliches Verständnis zu entwickeln.
Was können Ansatzpunkte bei hochfunktionaler Depression sein?
Es ist gut vorstellbar, dass Menschen mit einer hochfunktionalen Depression viel später Hilfe suchen als Menschen mit einer depressiven Episode, bei denen die Funktionalität im Alltag verloren geht. Solange berufliche und private Verpflichtungen noch erfüllt werden können, fällt es vermutlich leichter, Symptome herunterzuspielen oder nicht ernst zu nehmen.
Suchen Betroffene nach Hilfe, ist der Behandlungsweg ähnlich wie bei einer klassischen Depression. Die Behandlung beginnt in der Regel mit einer genauen Diagnostik. Belastungen und Symptome werden gemeinsam erfasst und in Bezug auf ihre Schwere beurteilt. Aufbauend auf diesen Punkten wird dann ein Therapieplan entwickelt, in vielen Fällen basierend auf der Verhaltenstherapie. Dort lernen Betroffene zum Beispiel, unvorteilhafte Denkmuster zu hinterfragen und eigene Bedürfnisse wieder besser wahrzunehmen.

Kann Meditation bei hochfunktonaler Depression helfen?
Solltest Du Dich selbst in diesem Artikel wiedererkannt haben, möchten wir Dich zunächst dazu ermutigen, Dir im Zweifel professionelle Hilfe zu suchen. Auch wenn wir von der Wirksamkeit von Meditationen auch aus wissenschaftlicher Sicht überzeugt sind: Achtsamkeit und Meditation können und wollen keine psychotherapeutische Behandlung ersetzen.
Bei schwach ausgeprägten Symptomen oder als Ergänzung zu einer therapeutischen Behandlung können achtsamkeitsbasierte Meditationen aber durchaus dazu beitragen, depressive Beschwerden zu verbessern und das Wohlbefinden zu steigern. Dass Meditationen bei Depressionen wirksam sind, konnten Forschende bereits in verschiedenen Studien nachweisen. Einige Untersuchungen fanden für eine regelmäßige Meditationspraxis sogar ähnliche Effekte wie für die kognitive Verhaltenstherapie.
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Sarah B. (B.Sc. Psychologie)
