Anfang des Jahres hatte ich die wundervolle Gelegenheit, dem Winter für eine Zeit zu entfliehen und nach Neuseeland zu reisen. Den Großteil meiner Zeit verbrachte ich auf Waiheke Island, einer kleinen Insel nahe Auckland – ein Ort mit kreativen Initiativen und (Lebens-)Künstler:innen, die einen dazu inspirieren, über den eigenen Tellerrand zu blicken.
Während meines Besuchs stieß ich auf einen Holistic Health Hub, der jeden Mittwoch einen Raum bietet, in dem Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Beschwerden zusammenkommen können. Auf Spendenbasis bieten dort Praktiker:innen unterschiedliche Formen ganzheitlicher Behandlungen an – von Homöopathie über Massage, Reiki, Ernährungsberatung und Schmerzmanagement bis hin zu Osteopathie, Energiearbeit, Qigong und vielem mehr.
In einem Interview mit einigen der Beteiligten erfuhr ich, wie sie Gesundheit definieren, was sie motiviert und vor welchem Hintergrund solche gemeinschaftlichen Gesundheitsangebote entstehen. In den Gesprächen wurde deutlich, dass es vor allem um Gemeinschaft, Selbstbestimmung und neue Perspektiven auf Gesundheit geht.
Der Hub entstand im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen während und nach der COVID-19-Pandemie – einer Zeit, in der einige Menschen das Gefühl hatten, nicht mehr selbstbestimmt handeln zu können – und versteht sich als eine alternative, gemeinschaftsbasierte Ergänzung zu bestehenden Gesundheitsangeboten.

Die Entstehung des Hubs
Der Hub auf Waiheke existiert seit etwa zwei Jahren. Er ist Teil eines Netzwerks von gemeinschaftlich organisierten Health Hubs in Neuseeland, die zur People’s Health Alliance (PHA) gehören – einer Bewegung, die ihren Ursprung in Großbritannien hat und sich in den letzten Jahren international verbreitet hat.
Einer der Beteiligten erzählte mir, dass er zu Beginn noch Flyer auf der Straße verteilte, um Menschen auf das Angebot aufmerksam zu machen. Heute muss man früh genug kommen, um noch einen Platz bei der gewünschten Behandlung zu bekommen. Aber alles halb so wild – wenn nicht, lernt man eben eine andere Praktikerin oder einen anderen Praktiker kennen. Und genau darin liegt vielleicht auch ein Teil der Idee: offen zu sein, Neues kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern.
Der Gedanke hinter einem solchen Hub ist es, Menschen auf ihrer individuellen Gesundheitsreise zu begleiten. Im Interview fasste eine Praktikerin die Grundidee des Hubs folgendermaßen zusammen:
„Die Vision war es, ein Gesundheitssystem zu schaffen, das Menschen informiert, unterstützt und sie dazu befähigt, eigene Entscheidungen über ihre Gesundheit zu treffen.“
Bei meinem Besuch wurde ich dazu inspiriert, Gesundheit nicht nur als etwas rein Körperliches zu betrachten. Schon eine Massage kann – neben den rein physischen Effekten – auch auf psychischer und vielleicht sogar auf gemeinschaftlicher Ebene etwas verändern. Ich gehe danach mit einem anderen Gefühl durch den Tag, begegne Menschen anders und verschenke ein Lächeln. Und vielleicht sind es genau diese kleinen Veränderungen im eigenen Wohlbefinden, die sich auch nach außen tragen und so am Ende nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Gemeinschaft guttun.
Wie wird ganzheitliche Gesundheit verstanden?
Bei PHA geht es nicht darum, Schulmedizin und alternative Herangehensweisen voneinander zu trennen. Vielmehr geht es darum, unterschiedliches Wissen über Gesundheit zusammenzubringen und gemeinschaftlich zu teilen. Jede:r bringt das ein, was er oder sie weiß und kann. Eine Praktikerin formulierte es im Interview so:
„Es geht darum, alles Wissen und alle Methoden zusammenzubringen und dann die Menschen selbst entscheiden zu lassen, was für sie der beste Weg ist – und nicht zu sagen: Du musst das machen, um gesund zu werden.“
Eine Homöopathin berichtete zudem, dass für sie alles zusammenhängt:
„Was wir denken und fühlen, wirkt sich früher oder später auch auf unseren Körper aus.“
Dies führt dazu, dass sie oft zunächst lange Gespräche mit ihren Patient:innen führt, um mehr über deren Lebenssituation, Stress, Emotionen oder persönliche Erfahrungen zu erfahren, bevor sie überhaupt mit einer konkreten Behandlung beginnt.
Ziel der Behandlungen ist daher nicht nur die Behandlung einzelner Symptome, sondern den Menschen als Ganzes zu betrachten und ihn auf seinem individuellen Weg zu mehr Wohlbefinden zu begleiten.
Ein weiterer wichtiger Grundgedanke ist, dass Gesundheit für die Initiative mehr ist als nur die Abwesenheit von Krankheit – es geht also nicht darum, Gesundheit erst dann ernst zu nehmen und ihr Aufmerksamkeit zu schenken, wenn bereits Symptome auftreten, sondern das Leben so zu gestalten, dass man möglichst im Gleichgewicht ist.
In diesem Zusammenhang beschrieb eine weitere Teilnehmerin ihr Verständnis von Krankheit mit den Worten:
„Krankheit ist die Unfähigkeit, im Fluss zu sein.“
Sie erklärte, dass Krankheit entstehen könne, wenn Menschen zum Beispiel dauerhaft gegen ihre eigene Lebenssituation ankämpfen, schlechte Gewohnheiten haben oder unter starkem emotionalem Stress stehen. Gesundheit bedeutet hier also nicht nur, keine Symptome zu haben, sondern sich im eigenen Leben, im eigenen Körper und im Alltag im Gleichgewicht zu fühlen.

Der gemeinschaftliche Gedanke
Neben dem Verständnis von Gesundheit spielte auch der Gemeinschaftsgedanke eine zentrale Rolle. Einige der Praktiker:innen behandeln sich gegenseitig und tauschen sich über ihre Methoden aus. Sie verabreden sich außerhalb der regulären Treffen, um zu reflektieren, ob sie im Einklang mit ihren gemeinsamen Leitlinien und Zielen arbeiten.
Eine Teilnehmerin beschrieb dies im Interview folgendermaßen:
„Wir können uns gegenseitig unterstützen, und das ist das Schöne an der PHA. Manchmal arbeiten wir auch gegenseitig miteinander – ich war schon bei dir auf der Behandlungsliege und du bei mir. Wir unterstützen uns gegenseitig, und das ist etwas ganz Besonderes.“
Neben der internen Gemeinschaft soll der Hub aber auch ein gemeinschaftlicher Ort für die gesamte Community sein. Er ist nicht nur ein Treffpunkt für Therapien, sondern auch ein sozialer Treffpunkt, an dem Menschen offen miteinander sprechen, Fragen stellen und sich austauschen können.
Fazit
Das Holistic Health Hub auf Waiheke Island hat mir gezeigt, wie Gesundheit auch als Gemeinschaftsaufgabe verstanden werden kann und wie Menschen von unterschiedlichsten Herangehensweisen lernen, profitieren und gestärkt werden können. Durch die Gespräche und Erfahrungen vor Ort habe ich mich dazu inspiriert gefühlt, meine eigene Gesundheit aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – emotional, physisch, psychisch und vielleicht auch spirituell – und mich zu fragen, wo ich selbst vielleicht im Ungleichgewicht bin. Anstatt mich zurückzulehnen und nur einzelne Symptome behandeln zu lassen, entstand bei mir der Gedanke, Gesundheit aktiver und bewusster mitzugestalten.

Unabhängig davon, wie man zu einzelnen Methoden steht, wurde in den Gesprächen deutlich, dass viele Menschen nach neuen Wegen suchen, Gesundheit ganzheitlicher zu denken und sich dabei selbstbestimmter und gestärkter zu fühlen. Unser Körper ist ein wahres Wunder – und oft wissen wir viel weniger über ihn, als wir eigentlich könnten.
Foto: Rosanna Verena Steingaß
Dabei geht es nicht unbedingt darum, bestehende medizinische Systeme zu ersetzen, sondern vielmehr darum, sie zu ergänzen und den Menschen wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Der Hub auf Waiheke Island ist ein Beispiel dafür, wie Gemeinschaft, Austausch und unterschiedliche Perspektiven auf Gesundheit zusammenkommen können – und auch dafür, dass Gesundheit nicht nur in Behandlungsräumen, sondern auch im Miteinander entsteht.
Rosanna Verena Steingaß (Psychologiestudentin)
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