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Einsamkeit und Digitalisierung - Chancen und Risiken im Cyberspace

By 
Mindfulife
|
15/06/2022

Vermutlich hat sich jeder Mensch schon einmal in seinem Leben einsam gefühlt: Ob nach einem Umzug in eine fremde Stadt, dem Auseinanderleben mit alten Freunden oder am ersten Tag einer neuen Arbeitsstelle. Einsamkeit ist an sich also nichts ungewöhnliches- und sollte dennoch nie zum Dauerzustand werden. Welcher Zusammenhang dabei zwischen Einsamkeit und Digitalisierung besteht wird im Folgenden diskutiert.

Was ist Einsamkeit überhaupt?

Einsamkeit entsteht dann, wenn zwischen den erwünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen einer Person eine Diskrepanz besteht (Peplau, L. A., & Perlman, D., 1982). Eine Person ist also dann einsam, wenn sie weniger soziale Kontakte hat, als sie sich wünscht. Nur weil jemand häufig alleine ist, bedeutet das also nicht zwangsläufig, dass er/sie einsam ist: Man kann im Alleinsein auch Entspannung und Ruhe finden.

Warum ist Einsamkeit ein Problem?

Einsamkeit wirkt sich nicht nur negativ auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität aus, sondern kann auch gesundheitsschädlich sein: Höhere Werte der Einsamkeit gehen so etwa mit erhöhtem Blutdruck und verminderter Schlafqualität einher (Cacioppo et al., 2002). Tatsächlich konnte bei Einsamkeit im hohen Alter sogar ein Zusammenhang mit einer höheren Sterblichkeitsrate gefunden werden (Luo et al., 2012).

Besorgniserregend ist es daher, dass die Zahlen selbst berichteter Einsamkeit, vermutlich auch durch die Corona-Pandemie bedingt, steigen (Lippke et al., 2022) : 2020 berichteten über 50% der 18-24 Jährigen von Gefühlen der Einsamkeit, bei den über 55-Jährigen waren es 16 % (Statista, 2022).

Betrachtet man die zunehmende Häufigkeit von Einsamkeit, so ist auch der Einfluss einer weiteren äußeren Wirkgröße nicht zu vernachlässigen: Die Digitalisierung schreitet in den letzten Jahrzehnten im rasanten Tempo voran, Internet und Technik sind fest in unseren Alltag eingebunden und nicht mehr wegzudenken.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Einsamkeit und Digitalisierung?

Studien legen nahe, dass hohe Werte der Einsamkeit mit häufiger Internetnutzung zusammenhängen (Janet Morahan-Martin & Schumacher, 2003). Unter differenzierter Betrachtung kann gefunden werden, dass Menschen, die häufiger das Internet nutzen, zwar stark mit anderen Menschen vernetzt sind, aber auf Skalen emotionaler Einsamkeit hohe Werte erreichen: Es fehlt die Komponente der persönlichen emotionalen Verbundenheit (Moody, 2001).

Diese Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und Internetnutzung sind auch deswegen ernst zunehmen, da die Nutzung des Internets eine immer größere Rolle spielt, vor allem im Leben der jüngeren Generationen. So gaben 2021 14- bis 29-Jährigen in einer Umfrage an, täglich durchschnittlich mehr als vier Stunden im medialen Internet zu verbringen. (Statista, 2022b)

Chancen der Digitalisierung

Die Chancen, die das Internet zum Pflegen sozialer Beziehungen bietet, liegen grundsätzlich natürlich auf der Hand: die Möglichkeit andere Menschen wesentlich schneller zu erreichen, über weite Entfernungen Kontakte halten, Bilder und Aufnahmen miteinander zu teilen und so auch ohne persönliche Treffen am Leben anderer teilzuhaben. Aber auch um neue Menschen kennenzulernen kann das Internet nützlich sein- etwa beim Dating über Apps oder in Internetforen, auf denen man auf Menschen mit ähnlichen Hobbys und Interessen trifft.

Das Internet bietet auch für besonders von Einsamkeit betroffenen Gruppen Chancen: Ältere Menschen, die etwa wegen körperlichen Einschränkungen oft wenig mobil sind und viel Zeit in der eigenen Wohnung verbringen müssen, leiden häufig unter Vereinsamung. Viele Studien beschäftigen sich mit dem Nutzen von Online-Anwendungen gegen altersbedingte Einsamkeit- mit vielversprechenden Ergebnissen. Vor allem die Nutzung des Internets, um mit bekannten Personen in Kontakt zu treten, etwa Videoanrufe mit der Familie, war in einigen Studien mit niedrigeren Werten der Einsamkeit assoziiert (Cotten et al., 2013; Sum et al., 2008).

In der Zukunft könnten technologische Fortschritte den Kontakt über das Internet verbessern: So fanden Rogers et al in einer hochaktuellen Studie heraus, dass die Interaktion mit einem hochrealistischen Avatar einer Person ähnlich wie der Face-to-Face Kontakt mit der Person erlebt wird (Rogers et al., 2022).

Grenzen des Sozialen Austausches über digitale Medien

Es gibt einige Punkte, in denen sich der Kontakt mit einer anderen Person im digitalen Raum vom direkten, persönlichen Kontakt mit der Person unterscheidet. So fallen zum Beispiel in Textbasierten Social-Media Plattformen viele Ebenen der Kommunikation weg – Was nicht selten zu Missverständnissen führt. Es ist beispielsweise schwer anhand einer E-Mail auf den Gemütszustand seines Gegenübers zu schließen, denn es fehlen Mimik, Gestik und Tonfall, die normalerweise wichtige nonverbale Kommunikatoren sind.

Ein gutes Beispiel um die Auswirkungen dieser Einschränkung der Kommunikation zu illustrieren ist Folgendes: Wer schon einmal mehrere Stunden in einer Videokonferenz gesessen hat, der wird das Phänomen der Videokonferenz-Erschöpfung kennen. Der Austausch mit anderen hinterlässt hierbei ein Gefühl der Ermüdung, als habe man sich über einen längeren Zeitraum anstrengen müssen.

Einsamkeit und Digitalisierung - Warum Videokonferenzen anstrengend sein können

Mögliche Gründe für diese Erschöpfung könnte etwa die erschwerte soziale Interaktion sein: Viele soziale Hinweisreize sind im Kontext einer Videokonferenz nicht oder anders zu interpretieren, als wir es aus dem persönlichen Austausch gewohnt sind (Bailenson, 2021).

So ist die Blickrichtung, die uns normalerweise verrät, wo die Aufmerksamkeit einer Person liegt, in einer Videokonferenz nicht wirklich interpretierbar: Schaut eine Person etwa zur Seite weil sie an unseren Ausführungen nicht interessiert ist oder macht sie sich Notizen auf einem zweiten Bildschirm? Unser Gehirn versucht weiterhin soziale Hinweisreize wie gewohnt zu bewerten, ist dabei aber konstant überlastet- was dann zur Erschöpfung führt. Dadurch kann es dazu kommen, dass die Zeit, die mit anderen im Digitalen verbracht wurde als weniger gewinnbringend/angenehm empfunden wird, als sie im direkten Austausch erlebt worden wäre.

Darüber hinaus läuft man vor allem in sozialen Medien Gefahr, sich ständig im Vergleich mit anderen Menschen zu sehen. Wer anfängt, seinen eigenen Wert in sozialen Situationen durch Like-Zahlen zu bemessen, der riskiert sein eigenes Selbstwertgefühl auf Lange Sicht zu schädigen.

Berücksichtigt man all diese Gesichtspunkte, die dazu beitragen, dass der soziale Kontakt übers Internet nicht mit dem persönlichen vergleichbar ist, so wird deutlich, welche Gefahr eine starke Internetnutzung im Hinblick auf Einsamkeit mit sich bringt: Wer seine sozialen Kontakte stark aufs Internet verlagert, hat weniger Zeit für die Pflege von persönlichen Kontakten, erreicht aber seltener das Gefühl wirklicher emotionaler Verbundenheit und läuft Gefahr sich einsam zu fühlen.

Was für Tipps kann man also berücksichtigen?

Aus den hier aufgeführten Chancen und Risiken lassen sich einige praktische Tipps ableiten, die man im Umgang mit digitalen Medien beachten kann:

Auf einen Ausgleich zwischen digitalen und persönlichen Kontakten achten: Am Besten solltest du nicht deine ganze Zeit mit dem Pflegen digitaler Beziehungen verbringen, sondern zum Ausgleich immer wieder auch persönlich etwas mit Personen unternehmen, mit denen du dich gut verstehst.

Die Chancen des Internets nutzen: Das Internet kann ein großartiger Platz sein um Gleichgesinnte Menschen zu finden. Wenn du zum Beispiel ein spezielles Hobby pflegst, das sonst niemand in deinem Umfeld ausübt, so wirst du sicherlich über das Internet Personen kennenlernen können, die das selbe Interesse haben und sich austauschen wollen - Wer weiß, vielleicht entsteht so über die Zeit eine Freundschaft, in der auch persönliche Treffen stattfinden.

Wenige und intensive Beziehungen: Gerade durch Social-Media entsteht häufig das Bild, das ein Mehr an sozialen Kontakten automatisch besser ist- wer die meisten Likes bekommt oder die meisten Freunde in den sozialen Medien hat, der steht als beliebte Person dar. Diese Annahme ist jedoch gefährlich: Zum einen kann man in der Regel in einem solchen sozialen Vergleich nur verlieren (schließlich gibt es immer jemanden der "beliebter" erscheint). Zum anderen ist die Annahme falsch, dass viele Beziehungen automatisch besser sind. Es ist wertvoller, einige enge, emotional-bindende Beziehungen zu haben, als viele oberflächliche Bekanntschaften. Versuche dich dem sozialen Vergleich zu entziehen, wertzuschätzen, was du hast, und deine bereits bestehenden Beziehungen zu pflegen.

Summary

Die Digitalisierung bringt auch im Hinblick auf Einsamkeit verschiedene Chancen und Risiken mit sich. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Internetnutzung praktisch zum Pflegen sozialer Kontakte sein kann, jedoch der Kontakt über das Internet an sich (noch) nicht vergleichbar mit dem Persönlichen ist. Während man die Chancen des Internets, neue Leute kennenzulernen und alte Kontakte aufrecht zu halten, nutzt, sollte genug Zeit übrigbleiben um auch persönliche Kontakte zu pflegen.

Sources

Bailenson, Jeremy N. (2021): Nonverbal overload: A theoretical argument for the causes of Zoom fatigue. In: Technology, Mind, and Behavior 2 (1). DOI: 10.1037/tmb0000030.

Cacioppo, John T.; Hawkley, Louise C.; Crawford, L. Elizabeth; Ernst, John M.; Burleson, Mary H.; Kowalewski, Ray B. et al. (2002): Loneliness and Health: Potential Mechanisms. In: Psychosomatic Medicine 64 (3), S. 407. Online verfügbar unter https://journals.lww.com/psychosomaticmedicine/fulltext/2002/0500/loneliness_and_health__potential_mechanisms.5.aspx?casa_token=i32gmhennouaaaaa:wx4b7k0kmyo66rce23vkhab-x8bpbnhcc05_uc9brsl2i3k70lj9bphirutftgi4vthmxenjcr6f7rbphcsu85d1.

Cotten, Shelia R.; Anderson, William A.; McCullough, Brandi M. (2013): Impact of internet use on loneliness and contact with others among older adults: cross-sectional analysis. In: J Med Internet Res 15 (2), e39. DOI: 10.2196/jmir.2306.

Lippke, Sonia; Keller, Franziska; Derksen, Christina; Kötting, Lukas; Ratz, Tiara; Fleig, Lena (2022): Einsam(er) seit der Coronapandemie: Wer ist besonders betroffen? – psychologische Befunde aus Deutschland. In: Präv Gesundheitsf 17 (1), S. 84–95. DOI: 10.1007/s11553-021-00837-w .

Luo, Ye; Hawkley, Louise C.; Waite, Linda J.; Cacioppo, John T. (2012): Loneliness, health, and mortality in old age: a national longitudinal study. In: Social science & medicine (1982) 74 (6), S. 907–914. DOI: 10.1016/j.socscimed.2011.11.028 .

Moody, E. J. (2001): Internet use and its relationship to lonelines. In: Cyberpsychology & behavior : the impact of the Internet, multimedia and virtual reality on behavior and society 4 (3), S. 393–401. DOI: 10.1089/109493101300210303 .

Morahan-Martin, Janet; Schumacher, Phyllis (2003): Loneliness and social uses of the Internet. In: Computers in Human Behavior 19 (6), S. 659–671. DOI: 10.1016/s0747-5632(03)00040-2 .

Peplau, L. A., & Perlman, D. (1982): Loneliness: A sourcebook of current theory, research, and therapy. In: Wiley Interscience.

Rogers, Shane L.; Broadbent, Rebecca; Brown, Jemma; Fraser, Alan; Speelman, Craig P. (2022): Realistic Motion Avatars are the Future for Social Interaction in Virtual Reality. In: 2673-4192 2. DOI: 10.3389/frvir.2021.750729 .

Statista (2022a): Corona-Krise - Einsamkeit nach Alter 2020 | Statista. Online verfügbar unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1179449/umfrage/haeufigkeit-von-einsamkeit-in-den-letzten-zwei-monaten-nach-alter/, zuletzt aktualisiert am 16.03.2022, zuletzt geprüft am 16.03.2022.

Statista (2022b): Mediales Internet - Durchschnittliche Nutzungsdauer pro Tag nach Altersgruppen in Deutschland 2021 | Statista. Online verfügbar unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1073613/umfrage/taegliche-nutzungsdauer-des-medialen-internets-nach-altersgruppen-in-deutschland/, zuletzt aktualisiert am 25.03.2022, zuletzt geprüft am 25.03.2022.

Sum, Shima; Mathews, R. Mark; Hughes, Ian; Campbell, Andrew (2008): Internet use and loneliness in older adults. In: Cyberpsychology & behavior : the impact of the Internet, multimedia and virtual reality on behavior and society 11 (2), S. 208–211. DOI: 10.1089/cpb.2007.0010 .

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