Disziplin und Meditation: Wo ist der Zusammenhang?

Veröffentlicht am
1 Februar 2023
Zuletzt aktualisiert
18 Dezember 2025
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Muss man ein disziplinierter Mensch sein, um regelmäßig zu meditieren? Kann man durch Meditation zu einem disziplinierten Menschen werden? Erfahre in diesem Artikel, wie Disziplin mit Deiner Meditationspraxis zusammenhängt und was uns wissenschaftliche Forschung über Disziplin verrät.

Was ist Disziplin?

Um die Zusammenhänge zwischen Meditation und Disziplin zu verstehen, müssen wir uns zunächst einmal klarmachen, was wir überhaupt unter Disziplin verstehen. Gesellschaftlich wird Disziplin als einer der Hauptfaktoren für Erfolg betrachtet: Willenskraft und Durchhaltevermögen gelten in unserem Kulturkreis als Tugenden, die uns helfen, in unserem Leben unsere Ziele zu erreichen.

In der psychologischen Forschung spricht man vom Konstrukt der Selbstdisziplin. Hierunter versteht man die Fähigkeit einer Person, ihre Aufmerksamkeit, ihr Denken und ihr Verhalten bei einem Motivkonflikt zu steuern. In dieser Definition verbergen sich mehrere Aspekte. Selbstdisziplin ist ein aktiver Prozess, in dem die handelnde Person nicht nur passiv auf etwas reagiert (wie beispielsweise bei militärischem Gehorsam, wo der Begriff Disziplin auch oft verwendet wird).  Außerdem kommt es zu einem Motivkonflikt: Verschiedene Ziele der Person stehen in einem Konflikt zueinander. Meist steht dabei ein langfristiges Ziel in Widerspruch zu einem aktuellen Handlungsimpuls.

Unser Alltag ist voll von vielen solcher Motivkonflikte, beispielsweise wenn Du Dir vorgenommen hast, Dich gesund zu ernähren, aber plötzlich große Lust auf Schokolade hast oder Du eigentlich mehr Sport machen möchtest, aber das Sofa viel verlockender ist als das Fitnessstudio.

sprechbalsen - too hard - may take some effort

Führen wir uns diese Definition vor Augen, verwundert es nicht so sehr, dass der Begriff der Disziplin eng verbunden ist mit dem psychologischen Begriff der Selbstkontrolle. Sie bezeichnet einen Teilaspekt der Selbstregulation, nämlich die Fähigkeit, sich für eine Verhaltensalternative zu entscheiden, die zwar kurzfristig eine negative Konsequenz hat (Du kannst Dich jetzt nicht auf dem Sofa ausruhen und verzichtest damit auf eine Belohnung), dafür aber zu einem langfristigen Ziel führt (Du fühlst Dich gesund und fit). Um Selbstkontrolle zu messen, gibt es verschiedene wissenschaftliche Instrumente, die als gut evaluiert gelten, beispielsweise die Brief Self-Control Scale (BSCS) oder die Self-Control Scale (SCS).

Ist Disziplin wichtig?

Dass Du mit mehr Selbstdisziplin langfristig Deine Ziele besser erreichen kannst, kannst Du Dir nach der Definition, die Du gerade gelesen hast, vermutlich gut vorstellen. Doch sind selbstdisziplinierte Menschen wirklich zufriedener und erreichen mehr in ihrem Leben?

Viele psychologische Studien zeigen, dass Selbstdisziplin für diverse Lebensbereiche eine große Bedeutung hat. So hängt eine hohe Selbstkontrolle zusammen mit Schulerfolg und Studienerfolg, guten sozialen Beziehungen, vernünftigem Umgang mit Geld, Gesundheit und pünktlichem Beginnen und kontinuierlichem Arbeiten an Aufgaben. Niedrige Selbstkontroll-Werte hingegen zeigen Zusammenhänge mit krankhaftem Konsum und Überschuldung, riskantem Sexualverhalten, übermäßigem Essverhalten und Substanzmissbrauch (z.B. Alkohol).

Marshmallow-Test: Wie konstant ist Disziplin?

Wenige psychologische Experimente sind so bekannt wie der Test, den Walter Mischel Ende der 60er Jahre an der Stanford-Universität entwickelte. Beim sogenannten Marshmallow-Test sitzen Kinder in einem Raum an einem Tisch, auf dem ein Marshmallow liegt. Der Raum ist weitgehend leer und ohne Ablenkungen. Die Aufgabe: Das Kind soll am Tisch sitzen und warten, bis der Versuchsleiter den Raum wieder betritt. Hat es der Versuchung widerstanden und die Süßigkeit nicht gegessen, bekommt es zwei Marshmallows.

marshmallows

Wahrscheinlich hast Du es schon bemerkt: Was hier getestet wird, ist Selbstdisziplin nach der klassischen Definition. Das Kind hat einen Konflikt zwischen zwei Motiven: Der direkte Impuls ist das sofortige Essen des Schaumzuckers und steht in Widerspruch zu dem langfristigen Ziel, nämlich dem Bewältigen der Aufgabe und damit dem Erlangen einer Belohnung.

Bekannt wurde das Experiment vor allem, weil Mischel seinem Test eine Vorhersagekraft zuschrieb. Er untersuchte die Kinder 10 und 40 Jahre nach dem ursprünglichen Test. Aus seinen Untersuchungen folgerte Mischel, dass Kinder mit hoher Selbstkontrolle auch als Erwachsene eine höhere Frustrationstoleranz hätten, einen besseren Bildungsabschluss erreichten, stabilere Beziehungen führten und weniger psychische Auffälligkeiten wie etwa Suchterkrankungen zeigten. Lange Zeit galt die Fähigkeit von Kindern zum Bedürfnisaufschub daher als ein wichtiger Faktor für spätere Entwicklung und Bildungskarriere.

Heute werden Mischels Ergebnisse auch kritisch gesehen. Forschende bemängeln, dass Mischel primär Kinder von Mitarbeitern der Universität untersuchte, weshalb es sich ausschließlich um Elternhäuser mit sehr hohem Bildungsabschluss handelte. Neuere Studien mit diverseren Kindergruppen finden keine starken Zusammenhänge zwischen kindlicher Selbstkontrolle und späterem Verhalten. Es fanden sich zwar Zusammenhänge mit dem Schulerfolg, der aber verschwand, wenn die Forschenden Faktoren des Elternhauses herausrechneten. Selbstkontrolle und damit Disziplin scheinen also lernbar zu sein und nicht bereits im Kindergartenalter für das restliche Leben festgelegt.

Disziplin und Meditation

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die den Effekt von Meditation auf Selbstkontrolle untersucht haben. Es finden sich positive Zusammenhänge in korrelativen Studien, also in beschreibenden Verfahren, bei denen die Selbstkontrolle von Probanden vor und nach einer bestimmten Zeit mit Meditationspraxis gemessen wurde. Aber auch bildgebende Verfahren machen einen Effekt objektivierbar: Gehirn-Scans zeigen bei Menschen, die regelmäßig meditieren, eine erhöhte Aktivität im präfrontalen und im cingulären Cortex.  Diese Hirnbereiche sind maßgeblich für die Selbstkontrolle verantwortlich.

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Forschende konnten ebenfalls in einigen Studien zeigen, dass sich die verbesserte Selbstkontrolle durch Meditation auch in konkretem Verhalten zeigt. Menschen berichten also nicht nur über eine bessere Selbstkontrolle und zeigen veränderte Hirnstrukturen, sondern verhalten sich tatsächlich disziplinierter. So konnten Raucher in einer amerikanischen Studie mit Meditation ihre Zigarettenanzahl deutlicher reduzieren als eine Kontrollgruppe ohne Meditation. Eine Studie indischer Forschender findet ähnliche Effekte für Internetsucht. Auch Studien an Schulen zeigen, dass Kinder sich durch tägliche Meditationseinheiten besser regulieren können und sich somit disziplinierter verhalten.

Ähnliche Effekte zeigen sich auch in anderen alltäglichen Verhaltensweisen: Menschen, die regelmäßig meditieren, zeigen beispielsweise gesünderes Essverhalten als Kontrollgruppen. Außerdem zeigten sie sich in Studien bei sportlichen Aufgaben leistungsfähiger, was sich ebenfalls auf eine verbesserte Selbstkontrolle zurückführen lässt. So gaben Menschen mit Meditationspraxis beispielsweise bei sportlichen Aufgaben wie dem Halten der Plank-Position nicht so schnell auf. Dieser Effekt hielt sich auch, als die Forschenden andere Faktoren wie etwa den Trainingsstand oder das Körpergewicht in ihren Analysen herausrechneten.

Fazit

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Meditation eine gute Methode ist, wenn Du mehr Disziplin aufbauen möchtest. Dies zeigt sich in vielen wissenschaftlichen Studien, und zwar sowohl wenn Selbstkontrolle selbst gemessen wird als auch in bildgebenden Verfahren in konkreten Veränderungen der Hirnstrukturen.

Um regelmäßig zu meditieren, braucht es natürlich auch schon etwas Disziplin und Selbstkontrolle. Hier hat sich als hilfreich erwiesen, sich selbst zu verpflichten, also eine gewisse Verbindlichkeit zu schaffen. Setze Dir beispielsweise feste Zeiten für Deine Meditation oder erzähle anderen, dass Du täglich meditierst. Oder melde Dich zu festen Terminen in unserem Online-Meditationsstudio bei Eversport an. Hier findest Du täglich mehrere Meditationen, angeleitet von ausgebildeten Meditationslehrern.

überarbeitet von Sarah B. (B.Sc. Psychologie) am 16.12.2025

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Quellen

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1 Kommentar

  • Wie diszipliniert schätzt Du Dich selbst ein? Können Dir unsere Tipps vielleicht etwas weiterhelfen?

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