Narzisst*innen in meinem Umfeld – Wie erkenne ich sie?

Veröffentlicht am
17 Juli 2024
Zuletzt aktualisiert
27 August 2025
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Der Narzisst im Spiegel

Heutzutage werden Menschen voreilig als “narzisstisch” bezeichnet, dabei ist Narzissmus eine Dimension der normalen Persönlichkeit. Nur bei 0,4 % der Weltbevölkerung – Männer sind häufiger davon betroffen als Frauen – wurde nachweislich eine krankhafte narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Doch woher weißt Du nun, ob die Chefin oder der Partner nur egozentrisch und schwierig ist oder ein*e Narzisst*in?

Was zeichnet Narzisst*innen aus?

Auf den ersten Blick wirken  Narzisst*innen charmant, sie sind extrovertiert, freundlich und pflegen ihr Äußeres. Außerdem wirken sie selbstbewusst und einnehmend. Es handelt sich um Personen, die glänzen, die einem eine starke Schulter bieten und anfangs eine Menge Aufmerksamkeit schenken.

Die meisten Menschen besitzen ein gewisses Maß an narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen. Ausschlaggebend ist hier also nicht das Vorhandensein dieser Charaktereigenschaften, sondern der Schweregrad der Ausprägung.

Diese Persönlichkeitsmerkmale sind:

  • mangelndes Einfühlungsvermögen (Empathie)
  • Selbstüberschätzung
  • Überempfindlichkeit gegenüber Kritik
  • Überheblichkeit
  • Stimmungsschwankungen – bis hin zur Aggression.

In ihrem Buch „Eitle Liebe“ schreibt die Psychologin Bärbel Wardetzki: “Ist die Selbstliebe eines Menschen jedoch stark geschädigt oder unentwickelt, dient die perfekte äußere Fassade aus Erfolg, Leistung, Status, Attraktivität und Schlankheit als Ersatz für ein positives Selbstgefühl“.

Woher kommt der Begriff “Narzissmus”?

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In der griechischen Mythologie wächst die Figur des Narziss als ungeliebtes Kind auf und kann selbst nicht lieben. Gleichzeitig sieht er sehr gut aus, ist eitel und berauscht von seiner eigenen Schönheit. Alle Verehrerinnen weist er ab. Er wird von Aphrodite als Strafe dazu verdammt, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Als er sich selbst im Wasser bewundert, fällt ein Blatt hinein und verzerrt die Spiegelung. Narziss kann seine vermeintliche Hässlichkeit nicht ertragen – und stirbt.

Was ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

In der Psychologie wird zwischen Narzissmus als gesunder Persönlichkeitseigenschaft und krankhaftem Narzissmus unterschieden. Wenn er stark ausgeprägt ist und für den Betroffenen sowie seine Umwelt zu Leid führt, wird er krankhaft (pathologischer Narzissmus). Der Übergang von der Persönlichkeitseigenschaft zur Störung ist fließend. Es wird in der Gesellschaft viel über Narzissmus diskutiert, die Persönlichkeitsstörung ist jedoch bislang noch wenig erforscht.

Einer der berühmtesten Psychotherapeuten der Welt und führender Experte auf dem Gebiet ist Otto Kernberg. Er sieht die Unfähigkeit zu lieben als typisches Symptom der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Sie brauchen Bewunderung, aber keine Liebe. In einem Interview beschreibt er Narzissmus wie folgt: “Eine narzisstische Störung ist eine Störung der Wertschätzung seiner selbst und des normalen Gefühls der Selbstliebe und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Narzisstische Persönlichkeiten leiden an entsetzlicher Unsicherheit und haben ein tiefes Gefühl, nicht anerkannt, nicht geliebt zu werden, das von frühesten Lebensjahren stammt.

Bei der Persönlichkeitsstörung findet sich also ein tiefgreifendes Muster von der eigenen Großartigkeit (in der eigenen Fantasie oder im Verhalten), ein übertriebenes Selbstwertgefühl (zumindest nach außen), ein durchgehendes Bedürfnis nach Bewunderung und ein Mangel an Einfühlungsvermögen in andere. 

Das eigentliche mangelnde Selbstbewusstsein (im Inneren) wird häufig durch eine Zurschaustellung “großartiger” und erfolgreicher Taten kompensiert. Krankhafte Narzissten werten zusätzlich andere Menschen ab, um sich selbst “größer” zu fühlen.

Für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung müssen Patient*innen laut Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5) mindestens fünf dieser Punkte erfüllen:

  • ein übertriebenes, unbegründetes Gefühl der eigenen Bedeutung und Talente (Grandiosität)
  • die Beschäftigung mit Fantasien von unbegrenzten Erfolgen, Einfluss, Macht, Intelligenz, Schönheit oder der vollkommenen Liebe
  • der Glaube, dass sie speziell und einzigartig sind und sich nur mit den Menschen auf höchstem Niveau verbinden sollten
  • der Wunsch, bedingungslos bewundert zu werden
  • die Ausnutzung anderer, um ihre eigenen Ziele zu erreichen
  • ein Mangel an Empathie gegenüber anderen
  • Neid auf andere und der Glaube, dass andere sie beneiden, sowie Überheblichkeit

Der Schweregrad wird in leicht, mäßig oder schwer unterteilt.

Otto Kernberg geht davon aus, dass latent aggressive oder emotional kalte Eltern eine übertriebene Selbstdarstellung fördern. Kinder, die also wenig Anerkennung erhalten, versuchen diese Verletzung des Selbstwerts durch besondere Leistungen (z. B. in der Schule) wieder auszugleichen, um Lob zu erhalten.

Wie kann ich Narzisst*innen erkennen?

Sie brauchen ständig Anerkennung sowie die Bewunderung von anderen Menschen. Doch wie können Psycholog*innen herausfinden, ob jemand die Kriterien der Diagnose erfüllt bzw. eine narzisstische Persönlichkeit besitzt?

Dies geht nur über eine Befragung der Person selbst, entweder im Gespräch („Interview“) oder über verschiedene Fragebögen, die sich als wissenschaftlich valide erwiesen haben.

Die größte Verbreitung hat der NPI (Narcissistic Personality Inventory) gefunden, der auch in einer deutschen Version vorliegt. Hier einige beispielhafte Auszüge:

Dimension Beispiel-Items
Autoritätsanspruch Ich halte mich selbst für eine Führungsperson. Ich erteile anderen gerne Anweisungen.
Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit Ich werde einmal ein bedeutender Mensch werden. Ich bin fähiger als andere Leute.
Überlegenheitsgefühl und Einzigartigkeit Ich wünschte, jemand würde eines Tages meine Biografie schreiben. Ich weiß, dass ich gut bin, weil ich das immer wieder gesagt bekomme.
Angeberei Bescheidenheit passt nicht zu mir. Ich neige dazu, anzugeben, wenn sich mir Gelegenheit dafür bietet.
Manipulationsneigung und Ausbeutung Es fällt mir leicht, andere zu manipulieren. Ich kann mich meist aus allen unangenehmen Situationen rausreden.
Anspruchsdenken Ich werde niemals zufrieden sein, bevor ich nicht all das bekomme, was mir zusteht. Wenn ich die Welt regieren würde, wäre sie ein viel angenehmerer Aufenthaltsort.
Items aus der deutschen Version des Narzissmus-Persönlichkeits-Inventars (NPI) von Collani, 2012

Dieser Fragebogen enthält im Original 54 Fragen und misst Narzissmus als generelle Persönlichkeitseigenschaft und erfasst die Persönlichkeitsstörung nur in geringerem Maße.

Typische Sätze von Narzisst*innen

Um narzisstische Personen im Alltag zu entlarven, wurden hier einige, häufig verwendete Sätze zusammengefasst:

  • „Sei nicht so empfindlich!“
  • „Das habe ich nie gesagt!“
  • „Daran bist Du selber schuld!“
  • „Das bildest Du Dir nur ein!“
  • „Ohne mich läuft hier gar nichts!“
  • „Ich bin, wie ich bin – damit musst Du klarkommen!“
  • „Nie kann man sich auf Dich verlassen!“

Der Umgang mit Narzisst*innen

Der Umgang mit narzisstischen Personen bedeutet in erster Linie erstmal Stress. Die Zusammenarbeit und das Zusammenleben mit solchen Persönlichkeiten sind anstrengend und geprägt von Machtkämpfen und Manipulationen. Eine offene Kommunikation ist kaum möglich, da der Umgang nicht von Vertrauen, Respekt und Wertschätzung geprägt ist, sondern von Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Schuldzuweisungen und verdeckter Angst. In dieser Atmosphäre verfliegen Leichtigkeit und Kreativität und selbst die stärkste, in sich ruhende Persönlichkeit kommt hier an ihre Grenzen.

Hier ein paar allgemeine Tipps für den Umgang mit Narzisst*innen:

  • Den Narzissmus wirklich klar erkennen: seine Verhaltensweisen aufmerksam beobachten
  • Sich der Präsenz der Narzisst*innen entziehen: Sie erzeugen mit ihrer Attraktivität und ihrem Auftreten eine ganz bestimmte Aura um sich herum. Dieser Aura solltest Du Dich entziehen, indem Du Deine eigenen Grenzen klarmachst, die eigenen Bedürfnisse verteidigst und den eigenen Überzeugungen treu bleibst. Betrachte die Äußerungen immer mit dem notwendigen Abstand und bleib kritisch.
  • Den weichen Kern erkennen: Narzisstische Personen verlieren ihre Macht, wenn Du hinter ihrem selbstverliebten und egoistischen Verhalten das schwache, sensible Kind siehst, das sich nach Liebe sehnt und innerlich mit einem Gefühl der Minderwertigkeit zu kämpfen hat.
  • Versuche nicht, Narzisst*innen zu therapieren: Dies gehört in professionelle Hände.
  • Angemessen loben: Wenn Du narzisstische Personen nicht in ausreichendem Maß lobst und anerkennst, wirst Du sie nie erreichen. Durch Entzug des Lobs werden sie gereizt, nervös und zornig. Übertreibst Du das Loben, werden sie Dich nicht mehr ernst nehmen. Im Umgang mit Narzisst*innen muss das Lob echt und authentisch sein. 
  • Grenzen aufzeigen: Klar und deutlich, aber nicht unhöflich, muss klargemacht werden, dass Du nicht zu allem bereit bist.
  • Narzisst*innen kannst Du es nie recht machen: Egal, was Du tust – in ihren Augen wirst Du niemals besser sein als sie. Daher lohnt es sich nicht, dies zu versuche
  • Zuhören: Hörst Du ihnen nicht zu, bedeutet das, sie zu ignorieren – was Aggression nach sich ziehen kann.

Die Beziehung zu Narzisst*innen

Narzisstische Personen sind durch ihre charmante Art auf den ersten Blick die perfekten Partner*innen, doch entwickelt sich die Partnerschaft im Laufe der Zeit oft zu einem Albtraum: Narzisstische Personen machen ihre Partner*innen von sich abhängig und zerstören durch Abwertung deren Selbstbewusstsein. Durch ihr manipulatives Verhalten machen sie ihren Partner*innen glaubhaft, sie seien schuld an den Problemen in der Beziehung.

Für Narzisst*innen dreht sich die Welt praktisch nur um sie selbst. Sich in andere Menschen hineinzuversetzen, gehört nicht zu ihren Stärken.

Daher haben Betroffene den Anspruch, dass ihre Partner*innen ihre Wünsche und Erwartungen erfüllen. Wenn dies nicht geschieht, fühlen sie sich ungeliebt und bestrafen ihre Partner*innen.

Für eine funktionierende Partnerschaft ist es nicht nur wichtig, dass sich Narzisst*innen therapeutisch behandeln lassen. Auch Partner*innen sollten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um mehr über den richtigen Umgang zu lernen.

Pärchen sitzt auf einer Bank nach dem Streit

Narzissmus und Trennung

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeit oder gar einer Persönlichkeitsstörung sind leicht gekränkt. Da die Betroffenen Kritik als sehr bedrohlich empfinden, können schon kleine Konflikte zu einem großen Streit führen. Sie haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle richtig einzuordnen und angemessen zu verarbeiten. Damit ihre Partner*innen ihre Verletzlichkeit nicht erkennen, zeigen sie Wut statt Trauer oder Enttäuschung. Fühlen sich narzisstische Menschen gekränkt, reagieren sie mit Rache. Partner*innen werden dann als Feind angesehen, dem sie versuchen, Schmerz zuzufügen.

Die Trennung von Narzisst*innen ist ein schwieriger und schmerzhafter Prozess. Narzisstische Personen fühlen sich nicht verantwortlich für Probleme in der Beziehung. Bei einer Trennung weisen sie ihren Partner*innen die Schuld zu und setzen alles daran, um als Sieger*innen aus der Trennung hervorzugehen.

Wer sich weiter in dieses spezielle Thema einlesen möchte, dem empfehle ich das folgende Buch:

Lara Carter, Gemeinsame Elternschaft mit einem narzisstischen Ex-Partner, Medimops, 2022.

Weiblicher Narzissmus

Narzisstinnen streben vermehrt in sozialen Kontexten und Beziehungen nach Bewunderung und Anerkennung. Großen Wert legen sie darauf, als attraktiv, begehrenswert und erfolgreich wahrgenommen zu werden. Dieses Verlangen nach Bestätigung kann dazu führen, dass sie verstärkt nach Komplimenten suchen und sich in den Mittelpunkt stellen. 

Frauen verlieren sich selbst im Schlankheitswahn oder bei der Suche nach dem perfekten Selfie, sodass jeder Insta-Like der narzisstischen Logik folgt.AD 4nXc7UNhYTZ0esQsb ACNeebfhZ8ohvuJhEkT3HwPlWjBgmxa7goJZkqvv8SKl8a oNy2MbvGd92MeK0ZzRNmCvKnItop684i7bWbRjY6nPw25wA5IgAH8pUolAcuDFRS68StfAkm Pllyjs HrJ6S aUbOVr4b1KAe5GVfGs21Bm6nKgZ7vXzbI?key=p

Fazit

Nicht jede Person, die heute schnell als narzisstisch bezeichnet wird, ist tatsächlich Narzisst*in oder leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Wie man Narzisst*innen jedoch entlarvt und ihnen begegnet, ist sehr wichtig für das eigene Wohlbefinden und lässt uns im Alltag wieder aufatmen!

Wenn Du Unterstützung im Umgang mit Narzisst*innen in Deinem Umfeld brauchst oder der Leidensdruck zu hoch ist, empfiehlt es sich, selbst Hilfe bei Psycholog*innen oder Psychotherapeut*innen zu suchen. Die erste Anlaufstelle sind hier in der Regel die Hausärzt*innen.

Zudem können Selbsthilfegruppen, Krisenchats, Sorgentelefone oder Beratungsstellen Unterstützung bieten.

Geschrieben von Inga Gosch

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Quellen

Babette Renneberg, Sabine C. Herpertz, Persönlichkeitsstörungen, Hogrefe,

Bärbel Wardetzki, Eitle Liebe- Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können, Kösel-Verlag, 2010

Franz J. Neyer, Jens B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Springer Verlag, 2024 https://doi.org/10.1007/978-3-662-67385-0

Kai Externbrink, Moritz Keil, Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie in Organisationen, Springer Verlag,2018

Lara Carter, Gemeinsame Elternschaft mit einem narzisstischen Ex-Partner, Amazon Fulfillment, 2021

https://www.netdoktor.de/krankheiten/narzisstische-persoenlichkeitsstoerung/

https://www.geo.de/wissen/gesundheit/der-narzisst–wie-man-ihn-erkennt-und-mit-ihm-umgeht-32963256.html

1 Kommentar

  • Kennst Du vielleicht eine Person, die eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat? Wie konntest Du bisher damit umgehen?

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