Autismus-Spektrum-Störung: Kann Achtsamkeit bei Reizüberflutung helfen?

Veröffentlicht am
31 März 2026
Zuletzt aktualisiert
29 März 2026
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Autismus - Titelbild

Beim Wort „Autismus“ denken viele Menschen an stereotype Darstellungen und Charaktere. Offiziell spricht man von der Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Die Figuren sind meist männlich, hochintelligent, sozial unbeholfen, emotional distanziert und haben Inselbegabungen – so wie Sheldon Cooper in „The Big Bang Theory“ oder Sam Gardner aus der Netflix-Serie „Atypical“ mit seinem ausgeprägten Interesse an Pinguinen. 

Was tatsächlich hinter einer ASS steckt, warum eine Abgrenzung zu weiblichem Autismus wichtig ist und wie Achtsamkeit im Umgang mit Autismus helfen kann, erfährst Du in diesem Beitrag. 

Ein Überblick

ASS entsteht durch eine angeborene Entwicklungsstörung im Gehirn. Lange Zeit wurde Autismus in drei Formen unterteilt: frühkindlicher Autismus, Asperger-Autismus und atypischer Autismus. Seit der Überarbeitung der diagnostischen Kriterien wird nur noch die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ vergeben. Die Störung kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Einige Autist*innen sind stark beeinträchtigt und auf Unterstützung im Alltag angewiesen, andere hingegen können gut für sich selbst sorgen und ein eigenständiges Leben führen. 

Prävalenz und Ätiologie

Die Häufigkeit (Prävalenz) der Autismus-Spektrum-Störung liegt in Deutschland bei etwa 1 %. Dabei erhalten Jungen und Männer doppelt so häufig eine Diagnose wie Mädchen und Frauen. Das Geschlechterverhältnis könnte sich jedoch annähern, da weiblicher Autismus erst in den letzten Jahren vermehrt ins Interesse der Wissenschaft gerückt ist.                                                                     Die genauen Ursachen einer Autismus-Spektrum-Störung sind unbekannt. Mehrere Faktoren können jedoch das Risiko für die Entstehung (Ätiologie) der Störung erhöhen:

Genetische Faktoren 

Bei Eltern, die selbst eine Autismus-Spektrum-Störung aufweisen, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ihre Kinder ebenfalls Autismus haben. Zudem spielt das Alter der Eltern eine Rolle, da genetische Veränderungen mit dem Alter zunehmen. 

Ereignisse während der Schwangerschaft 

Auch Einflüsse während der Schwangerschaft wie eine Frühgeburt, eine Infektion der Mutter mit Rötelviren oder die Einnahme bestimmter Medikamente zur Behandlung von Epilepsie können das Risiko für die Entstehung einer Autismus-Spektrum-Störung erhöhen. 

Übrigens: ASS wird weder durch Impfungen noch durch die Erziehung der Eltern ausgelöst – diese Behauptung gilt mittlerweile als wissenschaftlich widerlegt. 

Was sind die Symptome von Autismus? Wie sieht die Diagnostik aus?

Symptome

Wie genau äußert sich eine Autismus-Spektrum-Störung? Autismus zeichnet sich insbesondere durch Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation aus. Typisch sind zudem wiederholt ausgeführte Verhaltensweisen und Bewegungen. In der ICD-11, dem aktuellen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation WHO, werden folgende Diagnosekriterien (hier in gekürzter Form) gelistet. 

Defizite in sozialer Kommunikation und Interaktion, darunter:

  • Fehlendes Verständnis für soziale Kontexte und unangemessene Reaktionen auf nonverbale Kommunikation anderer (z.B. reduzierte nonverbale Verhaltensweisen wie Augenkontakt, Gestik, Mimik, Körpersprache)
  • Eingeschränkte Fähigkeit, Gespräche und Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen und aufrechtzuerhalten sowie sich die Emotionen anderer vorzustellen und darauf zu reagieren

Eingeschränkte, sich wiederholende und unflexible Verhaltensmuster, darunter:

  • Mangelnde Anpassungsfähigkeit an Veränderungen oder neue Erfahrungen
  • Unflexibles Festhalten an Routinen oder Regeln (z.B. Schlafzeiten, Spielregeln)
  • Übermäßig ritualisierte Handlungen (z.B. Aufreihen oder Sortieren von Gegenständen)
  • Sich wiederholende und stereotype Bewegungen (z.B. Schaukeln)
  • Intensive Beschäftigung mit speziellen Interessen, Gegenständen oder Reizen
  • Extreme Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen (z.B. Geräusche, Gerüche, Geschmäcker, Nahrungsmittel, Texturen, Kleidung, Hitze, Kälte, Schmerzen)

Der Beginn liegt meist in der frühen Kindheit. Die Symptome treten jedoch oft erst später deutlich hervor – wenn die sozialen Anforderungen die begrenzten Fähigkeiten übersteigen.

Die Symptome führen zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag. Manche Autist*innen sind in der Lage, durch große Anstrengung in vielen Bereichen zu funktionieren, so dass ihre Schwierigkeiten möglicherweise nicht erkennbar sind. Eine Diagnostik ist auch in solchen Fällen sinnvoll.

Diagnostik

Die Diagnostik einer Autismus-Spektrum-Störung ist umfangreich und wird von Psychotherapeut*innen oder Fachärzt*innen für Psychiatrie durchgeführt. In der Regel werden mehrere Termine benötigt und unterschiedliche Diagnostik-Instrumente verwendet. Bei Kindern und Jugendlichen werden meist Gespräche mit den Eltern, Entwicklungstests, Verhaltensbeobachtungen und medizinische Untersuchungen durchgeführt. Bei Erwachsenen kann die Diagnostik schwieriger sein. Im Laufe des Lebens haben viele unerkannte Autist*innen gelernt, Verhaltensweisen zu unterdrücken und sich anzupassen („Masking“), weshalb die Symptome oftmals nicht so eindeutig sind, wie im Kindesalter. 

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Wenn Du bei Dir eine Autismus-Spektrum-Störung vermutest, kann es sich lohnen dem nachzugehen – in jedem Alter. Das Wissen um Deine Neurodivergenz kann Dir und Deinem Umfeld viel Klarheit bringen. Die meisten Diagnostikzentren haben lange Wartezeiten, in einigen Städten gibt es jedoch kostenlose Autismus-Beratungsstellen für eine erste Orientierung.

Exkurs: Subtiler weiblicher Autismus

Eine der bekanntesten Autistinnen ist die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg. Sie erhielt bereits im Kindesalter ihre Diagnose und betrachtet ihre Autismus-Spektrum-Störung als Stärke im Einsatz gegen den Klimawandel.                                                                                                                                                       Viele weibliche Betroffene werden jedoch erst spät mit ASS diagnostiziert. Teilweise haben sie einen langen Leidensweg mit zahlreichen Fehldiagnosen hinter sich. Dies kann zum einen daran liegen, dass die Forschung lange davon ausgegangen ist, dass Autismus nur Jungen betrifft und Diagnosekriterien und Testverfahren daher ausschließlich auf männlichen Probanden basieren. Zum anderen wird angenommen, dass Frauen früh Strategien entwickeln, um sich in sozialen Situationen anzupassen. Sie verfügen häufig über bessere Maskierungsfähigkeiten als männliche Betroffene und zeigen darüber hinaus weniger äußere Verhaltensauffälligkeiten.

Rückzug, Erschöpfung und Ängste werden häufig als Schüchternheit, depressive Phasen oder Angststörungen fehlinterpretiert. Autistinnen wählen zudem oft Interessen, die als gendertypisch wahrgenommen werden (z. B. Tiere, Bücher, Sprache) – und somit den stereotypen Vorstellungen einer autistischen Person, welche Fahrpläne und Zugmodelle auswendig lernt, widersprechen.  

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Autistische Mädchen und Frauen sind also nicht unbedingt seltener, sondern weniger sichtbar.

Sie werden oft als „normal“ betrachtet, da sie eine hohe Sozialkompetenz und Alltagsfunktionalität zeigen können. Die große Anstrengung, die hinter dieser Anpassung steht und zulasten der mentalen und körperlichen Gesundheit geht, wird dabei häufig übersehen.

Therapie und Achtsamkeit bei Autismus-Spektrum-Störung

Therapie

Die Behandlung der Autismus-Spektrum-Störung zielt darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit sowie die gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. Hierzu werden unterschiedliche Maßnahmen empfohlen: 

  • Verhaltenstherapie (inklusive sozialem Kompetenztraining)
  • Logopädie
  • Ergotherapie
  • Psychoedukation 
  • Anpassung des Alltags
  • Akzeptanz der Diagnose

Es gibt derzeit keine medizinische Therapie, um die Autismus-Spektrum-Störung zu heilen. Jedoch können Begleiterkrankungen wie Angst- und Zwangsstörungen, Schlafstörungen, ADHS oder depressive Episoden oftmals gut medikamentös behandelt werden. Zudem können Unterstützungsleistungen wie Nachteilsausgleiche, Schulbegleitungen und Pflegeleistungen beantragt werden. Auch öffentliche Angebote wie die „Stille Stunde“, die ein reizarmes Einkaufen ohne Musik und helle Beleuchtung ermöglicht, autismusfreundliche Kinovorführungen oder Ruhebereiche bei Großveranstaltungen sind ein erster Schritt für mehr Sichtbarkeit und Integration neurodivergenter Personen.

Wie Achtsamkeit im Umgang mit ASS helfen kann

Da Autismus mit einer andauernden Reizüberflutung und der Anpassung an die Umwelt einhergeht, haben viele Betroffene wenig Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen, Emotionen und Körperwahrnehmungen. Das neurobiologisch bedingte sensible Nervensystem ist chronisch überlastet, was zu mentalen Zusammenbrüchen („Meltdowns“ und „Shutdowns“) führen und sich in somatischen Beschwerden äußern kann. 

Achtsamkeit im Alltag, Meditationen, Reizabschirmung sowie Körperarbeit können hilfreiche Möglichkeiten sein, innere Ruhe und Sicherheit aufzubauen und den Körper wieder spüren und regulieren zu lernen. Wichtig ist es, langsam und achtsam zu beginnen. Die Zuwendung zum eigenen Innenleben und das Zulassen lange nicht wahrgenommener Empfindungen können zunächst unangenehm und überfordernd sein. Hier gilt es, liebevoll mit sich selbst zu sein und nur so weit zu gehen, wie gehalten werden kann. Ein geführter Body Scan oder eine 5-Minuten-Meditation ermöglichen beispielsweise einen sanften Einstieg in die Achtsamkeitspraxis. Auch Selbststimulationen des Vagusnervs können den Parasympathikus aktivieren und aus dem Außen zurück in die innere Mitte führen. 

Fazit

Autismus ist ein facettenreiches Spektrum, das weit über die gängigen Klischees hinausgeht. Die Auswirkungen auf soziale Interaktion, Kommunikation und Verhalten sind individuell sehr unterschiedlich, und insbesondere weiblicher Autismus bleibt oft unerkannt. Eine frühzeitige Diagnostik, therapeutische Unterstützung und achtsamkeitsbasierte Methoden können Betroffenen helfen, ihre Selbstwahrnehmung zu stärken, Stress zu reduzieren und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Alltag von autistischen Menschen wird durch gezielte Anpassungen, Akzeptanz und achtsames Handeln deutlich erleichtert.

Welt-Autismus-Tag

Am 2. April, dem Welt-Autismus-Tag, wird das Bewusstsein für Autismus weltweit geschärft. Dieser Tag erinnert daran, die Vielfalt neurodivergenter Menschen wertzuschätzen, Stereotype zu hinterfragen und Inklusion aktiv zu fördern. Auch für Angehörige, Pädagog*innen und Fachkräfte ist es eine Gelegenheit, sich über die besonderen Bedürfnisse autistischer Menschen zu informieren und den respektvollen Umgang zu stärken.

Marie St. (Psychologiestudentin)

Hochsensibilität entdecken: Tipps, Achtsamkeit und Meditation

Wenn Dich neben Autismus auch das Thema Hochsensibilität interessiert, lohnt sich ein Blick auf unseren Beitrag dazu. Ähnlich wie bei ASS geht es dort darum, die eigenen Bedürfnisse, Wahrnehmungen und Grenzen besser zu verstehen und durch Achtsamkeit und Selbstfürsorge mehr innere Balance zu finden. Der Artikel bietet praktische Tipps, wie Hochsensible ihren Alltag bewusster gestalten und ihre Empfindsamkeit als Stärke nutzen können.

Ergänzend dazu gibt es eine Meditation speziell für Hochsensible, die Dir hilft, innere Ruhe zu finden und Dein Nervensystem zu entspannen. Schau gerne vorbei und probiere es direkt aus oder besuche uns im Meditationsstudio.

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Quellen

Bundesministerium für Gesundheit. (o.D.) Autismus. gesund.bund.de https://gesund.bund.de/autismus

Li, C.E., Wang, K.L., Treves, I.N. et al. (2025). Smartphone mindfulness intervention reduces anxiety symptoms and perceived stress in autistic adults: A randomized controlled trial. Mindfulness 16, 1504–1521. https://doi.org/10.1007/s12671-025-02558-z

Muscatello, R. A., Vandekar, S. N., & Corbett, B. A. (2021). Evidence for decreased parasympathetic response to a novel peer interaction in older children with autism spectrum disorder: a case-control study. Journal of neurodevelopmental disorders13(1), 6. https://doi.org/10.1186/s11689-020-09354-x

Whitehead, D. (2022). Subtiler weiblicher Autismus: Wegweiser für Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 122 Jahren. tredition.

Zimmermann, M. (2025). Anders nicht falsch. Kommode Verlag.

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