“Den tiefen Wunsch, anderen Gutes zu tun – ohne eine Gegenleistung zu erwarten” – so kann die Definition von Altruismus in der Psychologie zusammengefasst werden. Synonym kannst Du auch von Selbstlosigkeit oder Uneigennützigkeit sprechen. Aber warum handeln wir (und auch manche Tiere) überhaupt altruistisch, obwohl wir dabei scheinbar leer ausgehen? Welche Rolle spielen dabei Achtsamkeit und Meditation? Kann man es mit dem Altruismus auch übertreiben? Das möchte ich Dir hier in diesem Blog verraten.
Kleiner Spoiler: Ganz so uneigennützig ist es am Ende dann doch nicht.
Warum handeln wir altruistisch?
Dafür gibt es zahlreiche Erklärungsansätze – sowohl aus der Psychologie als auch aus der Biologie.
Reziproker Altruismus
Mit Reziprozität ist Wechselseitigkeit oder Gegenseitigkeit gemeint.„Wie Du mir, so ich Dir‘ – nur mit einer positiven Wendung. Du hilfst anderen also aus der (vielleicht sogar unbewussten) Erwartung heraus, dass diese Hilfe auf unterschiedlichem Wege zu einem späteren Zeitpunkt mindestens erwidert wird. Dabei muss die Hilfeleistung gar nicht 1:1 dieselbe sein und sie muss auch gar nicht von derselben Person erwidert werden. Wenn Du anderen regelmäßig höflich die Tür offenhältst, trägt das dazu bei, dass Du in Deinem Umfeld als respektvoll und hilfsbereit wahrgenommen wirst. Dieser gute Ruf wiederum öffnet Dir oft ganz andere Türen, mit denen Du gar nicht gerechnet hättest.
Empathie-Altruismus-Hypothese
Laut der sog. Empathie-Altruismus-Hypothese ist Deine Fähigkeit Empathie zu empfinden eine Schlüsselvoraussetzung für Altruismus. Ohne Empathie ist Altruismus im engen Sinne kaum möglich. Hilfeleistung erfolgt ohne sie viel eher aus Gewinnerwartung oder der Vermeidung von Bestrafung. Sobald Empathie ins Spiel kommt, bist Du in der Lage das Leid oder die Bedürftigkeit anderer wahrzunehmen. Du kannst Dich mit der betroffenen Person identifizieren. Empathie erzeugt bei Dir das Bedürfnis, entweder dem Leid anderer zu entfliehen oder ihr Problem zu lösen, damit Du selbst nicht mehr mitleiden musst.
Soziale Bindung (auch Commitment-Modell)

Einer der größten Stärken des Menschen ist seine Bindungsfähigkeit und die Teamarbeit, die daraus entspringt. Doch leider ist nicht jeder Mensch vertrauenswürdig. Hier kommt Altruismus ins Spiel, denn mit Altruismus kommunizierst Du „Mir kannst Du vertrauen – Ich meine es gut mit Dir“ und zwar in einer Art und Weise, die kaum von weniger wohl meinenden Menschen verfälscht werden kann, weil sie Kosten verursacht, die Täuscher weniger bereit sind zu tragen. Ich blicke dabei nicht ganz zufällig, in Richtung Narzissten oder Psychopathen, die vor allem an sich selbst denken und wenig Rücksicht auf andere nehmen.
Je altruistischer Du also bist, umso mehr wirst Du Menschen anziehen, die es ebenso gut mit Dir meinen wie Du mit ihnen.
Kleiner Geheimtipp: Diese Anziehungskraft wirkt ebenso gut auf potenzielle romantische Partner.
Verwandtschaftsaltruismus (auch Kin Altruismus)
Hier spielt Evolution eine Rolle. Die Überlegung hierbei ist, dass Du Interesse daran hast, Menschen zu unterstützen, die eine große genetische Übereinstimmung mit Dir haben (also Deine nahen Verwandten). Das Ausmaß an Aufopferungsbereitschaft nimmt dabei zu je größer Dein Verwandtschaftsgrad zu der Person ist, der Du hilfst. Das Ziel dabei ist mit Deiner Unterstützung sicherzustellen, dass deren Gene (und damit auch zu großen Anteilen Deine) über Generationen hinweg erfolgreich weitergegeben werden. Diese Form des Altruismus lässt sich auch häufig bei Tieren beobachten und es gibt Studien, die genetische Einflussfaktoren identifizieren, die mit Altruismus in Verbindung stehen.
Was bewirkt Altruismus in Dir?
Altruismus ist wie Achtsamkeit, die Du an andere weitergibst. Jede gute Tat zaubert ein Lächeln herbei oder wärmt ein Herz. Folgt man den oben genannten Theorien, führt Altruismus auch dazu, dass andere Dir ebenso helfen, wie Du ihnen und sie eher geneigt sind mit dir zu kooperieren und positive Beziehungen aufzubauen.
Auch wenn Altruismus in erster Linie ein Geschenk an andere ist, hat er doch spürbare Auswirkungen auf Dich selbst, die nicht zu vernachlässigen sind.
- Psychisches Wohlbefinden
Anderen zu helfen, fühlt sich gut an und stärkt die psychische Gesundheit. Das Lachen eines Menschen lässt Dich die Mühen vergessen, die Du zuvor investiert hast. Machst Du das Helfen zu Deiner Gewohnheit, wirst Du merken, dass Du mit mehr Optimismus durch die Welt gehst. Depressive Gedanken und Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder Einsamkeit schwinden. Dafür wächst das Gefühl, dass Dein Leben einen Sinn und Zweck hat.
- Physisches Wohlbefinden
Altruismus ist mit einer geringen Sterblichkeit assoziiert. Und das fühlt man auch, denn man altert besser. Im Vergleich zu anderen weniger altruistischen Menschen wirst Du weniger körperliche Einschränkungen mit dem Alter erfahren und weiterhin fit und aktiv bleiben. Aber aufgepasst – einen Einfluss auf die allgemeine Gesundheit hat es nicht. Altruismus reduziert zwar Stress und damit indirekt Entzündungsmarker. Ernste Krankheiten wie beispielsweise Diabetes oder Krebs werden jedoch nicht beeinflusst.
- Neuronale Merkmale
Neurologische Messungen haben ergeben, dass Menschen mit einem höheren Ausmaß an Altruismus eine größere Amygdala haben. Dies ist eine Gehirnstruktur, die für die Bewertung emotionaler Reize mitverantwortlich ist. Mit einer größeren Amygdala fällt es Dir leichter Hilfsbedürftigkeit bei anderen zu erkennen. Dadurch kannst Du ihnen gezielter Empathie entgegenbringen. Interessanterweise ist genau diese Gehirnstruktur bei Psychopathen unterentwickelt.
Mit Achtsamkeit und Meditation zum Altruismus
Warum Altruismus trainieren? Kann man denn nicht altruistisch sein, indem man einfach jemanden hilft?
Ja und Nein. Am Ende läuft es auf die Hilfeleistung hinaus, doch Altruismus ist auch eine Lebenseinstellung. Du hilfst aus Überzeugung und Charakter – nicht aus Zwang. Wenn Helfen zum Zwang wird, spricht man eher von pathologischem Altruismus. Dazu später mehr.
Achtsamkeit kann Dir helfen, das Helfen zu einer natürlichen Gewohnheit werden zu lassen – einer, die leicht fällt und Freude schenkt.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Achtsamkeitstraining und Meditation dauerhaft gelebten Altruismus steigern und sogar Veränderungen in der grauen Substanz in Gehirnregionen zeigen, die an Lern- und Gedächtnisprozessen, Emotionsregulation, selbstbezogener Verarbeitung und Perspektivenübernahme beteiligt sind.
Versuche Dich gerne mal an den nachfolgenden Achtsamkeitsübungen, die gezielt Altruismus fördern.
Metta-Meditation

Mit der Metta-Meditation stärkst Du Deine Fähigkeit Gefühle von Wärme und Mitgefühl zu empfinden:
- Setze oder lege Dich ruhig hin und schließe die Augen.
- Denke an eine vertraute Person, jemanden, den Du liebst oder für den Du Zuneigung empfindest. Sende ihr Dein Wohlwollen mit Sätzen wie:
„Mögest Du glücklich sein.“
„Mögest Du in Leichtigkeit leben.“ - Lenke anschließend diese wohlwollenden Gefühle auf Dich selbst.
„Möge ich glücklich sein.“
„Möge ich in Leichtigkeit leben.“ - Im nächsten Schritt erweiterst Du die Übung auf neutrale Personen mit denen Du keine besondere Bindung hast. Achte dabei darauf, nicht zu bewerten, ob die Person das verdient hat.
- Zum Schluss richte die gleiche liebevolle Haltung auf Personen, mit denen Du Schwierigkeiten hast. Auch hier – ohne zu bewerten.
Achte während der gesamten Meditation darauf, Gefühle von Wärme, Mitgefühl und Wohlwollen bewusst wahrzunehmen und zu vertiefen.
Gefühlsdyade
Ziel dieser Übung ist es, empathisches Zuhören, emotionale Akzeptanz und Dankbarkeit zu fördern. Dafür brauchst Du einen Partner. Setzt Euch zu zweit gegenüber und vereinbart, wer zuerst spricht und wer zuhört.
Als sprechende Person berichtest Du nacheinander über zwei kürzlich erlebte Situationen.
Eine belastende Erfahrung, und eine Situation, für die Du dankbar bist.
Du betrachtest dabei Deine Erfahrungen bewusst, ohne sie zu analysieren oder zu interpretieren.
Das Ziel ist, Vertrautheit und Akzeptanz gegenüber schwierigen Gefühlen zu entwickeln und gleichzeitig Dankbarkeit zu kultivieren.
Als zuhörende Person hörst Du unterdessen aufmerksam zu, ohne zu unterbrechen, zu kommentieren oder Feedback zu geben.
Das Ziel ist, empathisches Zuhören zu üben – mit voller Präsenz und ohne Bewertung.
Nach Ablauf der ersten Runde werden die Rollen getauscht. Die Person, die zuvor zugehört hat, berichtet nun über ihre beiden Situationen, während die andere ihrerseits achtsam zuhört.
Wenn Altruismus zu weit geht
Mehr ist nicht immer besser. Altruismus kann auch in pathologischen Altruismus – das sogenannte Helfersyndrom – ausarten. Dieser schadet vor allem Dir selbst, was oft zu Stress oder Burnout führt. Zudem kann es passieren, dass sich andere von zu viel Hilfe überfordert fühlen. Manchmal kann zu viel Hilfe sogar hinderlich sein – etwa wie bei einem Kind, das nie laufen lernt, weil man es ständig trägt.

Es lohnt sich also, eine gesunde Balance zwischen Hilfsbereitschaft und Selbstfürsorge zu finden. Pathologischer Altruismus entsteht meist dann, wenn die eigentliche Ursache versteckt und fremdbestimmt ist.
Vier Orientierungspunkte, um die Balance zu finden
Zum Abschluss möchte ich Dir vier Orientierungspunkte mitgeben, die Dir helfen können, Deine Hilfsbereitschaft in Balance zu halten.
- Altruismus aufgrund von Koabhängigkeit
Hier könntest Du die Person in Deinem Freundeskreis sein, die nie Nein sagt oder immer zur Stelle ist. Nicht aus gesundem Altruismus, sondern weil man Angst hat, die Freundschaft zu zerbrechen oder Zuneigung zu verlieren.
- Altruismus aus Schuldgefühlen heraus
Beispielsweise, wenn Du jede Woche Deine Eltern besuchst, anstatt auch mal etwas für Dich selbst oder mit Deinen Freunden zu unternehmen. Einfach weil Du dich sonst schuldig fühlen würdest sie allein gelassen zu haben.
- Altruismus um zu „Funktionieren“
Das kann zum Beispiel vorkommen, wenn die eigentliche Ursache des Altruismus die Angst ist nicht gut genug zu sein und Erwartungshaltungen von Lehrer, Freunden, Kunden oder Deinem Chef nicht zu erfüllen.
- Altruismus zur Selbstwertstabilisierung
Du engagierst Dich in Vereinen, achtest auf Nachhaltigkeit, hilfst anderen oder setzt Dich für gute Zwecke ein – doch tust Du das wirklich aus innerer Überzeugung oder auch, um Dich selbst in einem positiven Licht zu sehen?
Toxische Positivität
Das Thema pathologischer Altruismus ist verwandt mit dem Thema toxische Positivität, die eine ähnliche Dynamik zeigt. Auch hier solltest Du darauf achten die Balance zu halten und etwas ursprünglich tief Gutes nicht zu übertreiben. Falls Du dich dafür interessierst, gibt es bereits hier einen umfangreichen Artikel zu diesem Thema, in dem du weiterschmökern kannst. Bis dann!
Tom L. (Psychologiestudent)
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Online meditieren mit dem Mindfulife Online-Meditationsstudio
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