Akupunktur gilt im Feld der alternativen Heilmethoden als eine der medizinisch anerkanntesten Behandlungen. Wie viel Effekt hat die chinesische Praxis des Nadelsetzens auf unsere Psyche? Und was sagt die Forschung zur Wirkweise? Wir klären auf.
Was ist Akupunktur?
Der Begriff „Akupunktur“ leitet sich ab aus dem Lateinischen und setzt sich zusammen aus den Wörtern „acus“, die Nadel, und „punctio“, das Stechen. Ihren Ursprung hat die Methode in der traditionellen chinesischen Medizin. Dort gingen Heiler davon aus, dass durch den Körper zwölf Energiebahnen laufen, die sogenannten Meridiane. An diesen Meridianen liegen über 350 Akupunkturpunkte. Durch feine Nadeln, die in diese Punkte gestochen werden, soll das Qi, die Lebensenergie, beeinflusst und Blockaden gelöst werden.
Wissenschaftlich lassen sich weder die zwölf Meridiane noch das Qi nachweisen. Dass das theoretische Konzept hinter der Methode heute als nicht haltbar gilt, bedeutet aber nicht, dass sie nicht wirkt. Chinesische Hohepriester entdeckten eher zufällig, dass durch Wunden an einem bestimmten Körperteil ein Symptom an einem ganz anderen Körperteil gelindert werden konnte. Sie fanden heraus, dass bereits ein Nadelstich diesen Effekt hatte. Daraufhin entwickelten sie die Technik durch ihre Beobachtungen immer weiter und systematisierten sie. Eher als nachträgliche Erklärung wurde dann angenommen, dass an den gefundenen Punkten die Meridiane liegen müssen.

Wie wirkt Akupunktur aus heutiger Sicht?
Heute wissen wir, dass Meridiane eher weniger für den Effekt der Nadelstiche verantwortlich sind. Viel mehr liegen an den Punkten Nerven-, Faszien und Muskelpunkte, die sehr empfindlich auf Reize reagieren. Durch die feinen Nadeln werden diese Punkte stimuliert und unser Körper sendet ein Signal an das Rückenmark, wo dann eine Reaktion eintritt. Je nach Akupunkturpunkt werden Endorphine ausgeschüttet, körpereigene Schmerzhemmer freigesetzt oder durch eine Aktivierung des Parasympathikus eine Entspannung eingeleitet.
Wie bei allen anderen medizinischen Methoden gibt es auch bei der Akupunktur einen Placebo-Effekt. Eine Methode wirkt, weil wir davon überzeugt sind, dass sie wirkt. Dieser Effekt konnte in vielen klinischen Studien nachgewiesen werden. Meta-Analysen finden sogar, dass der Placebo-Effekt ebenso groß ist wie der Effekt der Behandlung selbst. Das liegt daran, dass der Körper eigene Mechanismen aktiviert, wenn wir ein Medikament oder eine andere Behandlung bekommen. Er schüttet beispielsweise Endorphine und Opioide aus, wodurch Schmerzen gelindert werden und Wohlbefinden steigt. Bildgebende Verfahren konnten deshalb in Studien zeigen, dass sich Hirnregionen messbar verändern, wenn ein Placebo verabreicht wird.
Gemeinsam führen also die Stimulation des Punktes und der Placebo-Effekt zu einer messbaren Veränderung im menschlichen Körper. Studien zeigen, dass der Effekt der Akupunktur stärker ist als ein reiner Placebo-Effekt. Dies spricht dafür, dass eine Wirksamkeit vorliegt, also dass das Nadelsetzen selbst einen Effekt hat, unabhängig vom Placebo-Effekt.
Welche psychischen Effekte hat Akupunktur?
Der größte Forschungsbereich und wohl auch der hauptsächliche Einsatzbereich der altchinesischen Heilmethode liegt in der Schmerzbehandlung. Doch auch in psychiatrischen Behandlungswegen findet die Akupunktur in den letzten Jahren häufiger statt. So wird beispielsweise auf vielen Suchtstationen Ohr-Punktion eingesetzt. So lassen sich psychische Symptome der Sucht wie Unruhe, Suchtdruck und Destabilisierung reduzieren. Obwohl ein wissenschaftlicher Nachweis zur Wirksamkeit fehlt, berichten Kliniken von sehr positiven Ergebnissen.
Im Bereich der psychischen Krankheitsbilder zeigt sich die größte Wirksamkeit der Heilmethode für Depressionen. Dabei kam es klinischen Studien in Kombination mit einem Antidepressivum zu den größten Effekten, wobei die Wirkung des Medikaments schneller und zuverlässiger eintrat, wenn die Betroffenen zusätzlich mit Akupunktur behandelt wurden.
Auch für andere Beschwerdebilder wie Schlaf– oder Angststörungen finden sich in Studien Hinweise auf eine gute Wirksamkeit. Da die Akupunktur gleichzeitig als sehr nebenwirkungsarm gilt, fordern ExpertInnen, die Methode stärker in den klinischen Alltag der Psychiatrien zu integrieren. Aktuell mangelt es dafür häufig an ausgebildetem Fachpersonal.
Kann ich Akupunktur präventiv nutzen?

In den letzten Jahren haben mehrere Studien untersucht, inwieweit Akupunktur eingesetzt werden kann, um chronischen Stress besser aushalten zu können. So konnten ForscherInnen der Universität Greifswald beispielsweise während der Corona-Pandemie zeigen, dass Ohrakupunktur bei Mitarbeitern einer Klinik wirksam Ängste lindern und Stress-Symptome reduzieren konnte.
Andere Studien zeigen, dass Akupunktur Prüfungsangst reduzieren kann und blutdrucksenkend wirkt. Es finden sich Hinweise darauf, dass sich mithilfe der Methode die Reaktionen des Sympathikus und Parasympathikus beeinflussen lassen. Diese beiden Systeme steuern, inwieweit wir entspannt sind und wie stark unsere Stressreaktion ausfällt. Insgesamt gibt es also einige Hinweis darauf, dass Akupunktur geeignet ist, besser mit chronischem Stress umzugehen und Folgeerscheinungen zumindest zu minimieren. Als eindeutig wissenschaftlich erwiesen gilt die Wirksamkeit noch nicht, dafür sind weitere Studien nötig.
Muss ich Akupunktur selbst bezahlen?
Für einige Erkrankungen gilt die Wirksamkeit von Akupunktur als ausreichend erwiesen. Dies ist beispielsweise für bestimmte Formen von Rückenschmerzen oder Kniebeschwerden der Fall. Hier zahlt die gesetzliche Krankenkasse für eine bestimmte Anzahl von Behandlungen. Einige Krankenkassen übernehmen auch die Kosten in anderen Fällen oder zahlen einen Zuschuss, zum Beispiel für andere Schmerzsymptome oder zur Geburtsvorbereitung. Wichtig ist, dass ein Arzt mit entsprechender Zusatzausbildung die Behandlung durchführen muss, damit eine Erstattung möglich ist.
Für die Behandlung psychischer Symptome findet Akupunktur wie bereits beschrieben Einsatz in einigen psychiatrischen Kliniken. Wer ambulant eine Behandlung wünscht, beispielsweise um Schlafstörungen oder Unruhe zu lindern, muss die Akupunktur in der Regel selbst bezahlen. In einigen Fällen zahlen private Krankenkassen für weitere Indikationen, die die gesetzlichen Kassen nicht abdecken.
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bearbeitet am 20.11.2025
von Sarah B. (B.Sc. Psychologie)

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