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Meditation und Achtsamkeit beim Wandern

29/06/2021

Eine Reise mit viel Erkenntnis

Lockdown 2020. Jetzt habe ich Zeit und Muße, in aller Ruhe einen Bericht über eine Reise zu schreiben, von der ich seit zwei Jahren noch immer Erleichterung und Erkenntnis schöpfe. Es war im Spätsommer 2018, als ich spontan den Entschluss fasste, dem Leben in der Großstadt für einige Woche den Rücken zu kehren. Mein Job und meine sozialen Beziehungen, die Verpflichtungen, die einen in beiden Bereichen auf Trab halten, hatten mich mehr als gestresst. Ich fühlte mich kraftlos und ausgelaugt. Selbst mein geliebtes Yoga bereitete mir mehr Stress als Erleichterung. Ich brauchte Abstand. Die Antwort: Wandern.

Manchmal muss man weg, um wieder anzukommen

Damals lagen  bereits 12 Jahre zurück, seitdem Hape Kerkeling mit seinem sehr unterhaltsamen Reisebericht Ich bin dann mal weg einen Bestseller landete, der seinen ersten Platz nicht nur bis 2008 hielt, sondern auch eine Welle von Wanderlustigen auslöste, die den Jakobsweg fluteten. Wenn von dem Jakobsweg die Rede ist, dann ist zumeist der Camino Fancés gemeint, der im französischen Sean-Jean-Pied-de-Port beginnt und im galizischen Santiago de Compostela sein Ende findet.

Es gibt noch einige Alternativruten, darunter den Camino del Norte, welcher sich an die Atlantikküste hält und einen am Ozean entlang von Irún im Baskenland über 875 Kilometer ebenfalls nach Compostela leitet. Das war mein Weg. Es mag banal anmuten, aber intuitiv wusste ich damals, was sich dann während der Wanderschaft als wahr erweisen sollte: Manchmal muss man weg, um wieder anzukommen. 

Smartphone aus

Nach der Landung in Spanien und dem ersten Check-In schaltete ich mein Smartphone aus. Erleichterung. Mir war lange Zeit gar nicht bewusst gewesen, dass ich mein Telefon unachtsam benutze. Und damit meine ich vor allem eine unbewusste Nutzung, bei der man ständig auf das Smartphone schaut, weil man ansonsten etwas zu verpassen fürchtet, das man nicht verpassen darf. Dass es dieses Etwas aber meistens nicht gibt, spielt keine Rolle. Man ist dafür blind. In der Wissenschaft, so würde ich später lesen, nennt man dieses Phänomen undirectet smartphone use.

Keep it analogous, war also mein neues Motto. Orientierung gab mir nicht google maps, sondern ein kleiner roter Wanderführer, der in meine Hosentasche passte, und die schönsten Momente hielt ich nicht mit meinem Smartphone fest, sondern mit meiner fast dreißig Jahre alten analogen Spiegelreflexkamera. Vielleicht hielt mich so mancher für einen Hipster. Aber das war egal.

Je aufwendiger es ist, ein Foto zu schießen, umso mehr Mühe und Geduld wird man aufbringen, es aufzunehmen. Umso mehr wird man den Moment der Aufnahme genießen, innehalten. Das war mein achtsames Fotografieren. Dass ich dabei alles andere um mich vergaß und ganz im Augenblick war, ganz beim Scharfstellen verweilte, ehe ich abdrückte, möchte ich nicht vorenthalten.

Achtsames Essen am Meer

So vergingen die Wandertage und was früher wichtig war, verlor an Gewicht, was weniger wichtig war, wurde gewichtiger. So zum Beispiel das Essen. Vor der Wanderschaft aß ich, um satt zu werden. Das Essen war ein Mittel für den Zweck der Leistungsfähigkeit. Das Wandern erinnerte mich daran, die Nahrungsaufnahme als Zweck an sich zu betrachten, als Selbstzweck. Und weil es in den Herbergen Küchen gab, begann ich, mir Gedanken über mein Abendessen zu machen.

Ich ließ mich dabei von der spanischen Küche inspirieren, mit der ich mittags in Berührung kam. Ich hätte auch abends in Restaurants gehen können, aber wieso mal nicht das Kochen als eine Form von Meditation betrachten? Und es schmeckte. Ich setzte mich mit dem Essen draußen vor der Herberge irgendwo hin. Das Meer war immer irgendwie zu sehen und zu hören, denn ich aß, als es schon dunkel geworden war.

Vor dem ersten Bissen schloss ich die Augen, führe die Gabel in den Teller, versuchte, so wenig wie möglich herauszupicken und führte mit geschlossen Augen die Gabel zuerst an die Nase. Hier verweilte ich einige Atemzüge. Erst dann öffnete ich den Mund und nahm das Essen auf. Aber auch hier wartete ich, bevor ich zu kauen begann. Dann erst kaute ich. Und zwar länger als üblich und langsam als sonst. Zugegebenermaßen hört sich das ziemlich anstrengend und weird an. Ehrlicherweise war es das auch die ersten Male, danach wurde diese Art des achtsamen Essens ein Genuss. 

Nervige Mitwanderer

Und dann waren da ja noch meine Mitwanderer. Mein Berufsalltag ist voller Sozialkontakte und beim Wandern wurde mir klar, wie sehr sich das Zwischenmenschliche ins Digitale verlagert hat: Ob auf facebook, whatsapp oder telegram, twitter oder linkedin, ständig gibt es etwas zu checken und überall wird man angeschrieben. Jemand möchte etwas von dir, die ganze Zeit. Mit dem Ausschalten meines Smartphones war dieses Problem behoben.

Aber da waren ja noch meine teils nervigen und fast immer deutschen Mitwanderer. In den Cafés, den Restaurants, den Herbergen, natürlich auch auf den Straßenmärkten und sonst überall auch. Mich verblüffte, wie kommunikationshungrig alle waren, so als würden sie es mit sich selbst nicht aushalten. Nicht einmal hier. Das soll kein Plädoyer gegen Sozialkontakte sein, aber Zeit für mich bedeutet immer auch Zeit mit mir alleine.

Ich merkte schnell, dass es nicht nur die Neugier der Anderen war, die sie mit mir in Kontakt treten ließen, sondern auch die von meinen Mitwanderern wahrgenommene Neugier meinerseits. Nun ist Neugier nichts Schlechtes, im Gegenteil, aber manchmal ist sie überflüssig. Vor allem dann, wenn man sich freimachen möchte.

Meditation auf Wanderung

An diesem Punkt half mir die Meditation. Ich kannte mich grob aus, hatte das ein oder andere Video dazu gesehen, mal eine App ausprobiert, kürzere Abhandlungen über Meditation gelesen. Ich nahm mir also vor, alle fünf Wanderkilometer eine fünfzehnminütige Meditationspause einzulegen. Die Position eingenommen, lenkte ich die Konzentration auf meine Atmung. Einatmend zählte ich bis vier, bis sechs hielt ich die Luft an und atmete bis zehn wieder aus, um dann bis zwölf die Luft wieder anzuhalten. Dann setzte mit der eins wieder die Atmung an.

Irgendwann hört auch das Zählen auf und du atmest vor dich hin, die Gedanken fließen wie ruhige Wellen an dir vorbei. Das Gefühl von Vitalität am Ende einer Session ist nur schwer zu beschreiben, aber ich versuche es mal so: Plötzlich waren meine nervigen Mitwanderer gar nicht mehr so nervig, die Gespräche erhielten schnell Tiefgang und authentische Herzlichkeit. Ich denke, man könnte diese Art von zwischenmenschlichem Miteinander ganz gut als ein entschleunigtes und achtsameres Miteinander beschreiben.

Im Alltag Achtsamkeit üben

Die Tage vergehen schnell, wenn man wandert. Zu schnell. Und ehe man sich versieht, klingelt wieder das Telefon, die Nachrichten trudeln ein, man checkt seine privaten und geschäftlichen Mailaccounts. Auch wenn mich zunächst so Manches überforderte, wusste ich doch auf einer noch unbewussten Ebene, dass ich gefestigter und ruhiger war. Wichtig ist, dass man die Praktiken der Achtsamkeit und Meditation in den normalen Alltag integriert.

Auf Reisen ist das kein Problem, aber Zuhause steckt man im Arbeitsalltag und sich dann noch in Achtsamkeit und Meditation üben? Hört sich zuerst nach mehr Stress an! Und natürlich hat auch das seinen wahren Kern. Immerhin muss man sich diese Praktiken, das Meditieren und den achtsamen Habitus, zuerst einmal aneignen. Auch dieser Weg kann holprig sein.

Aber welcher Weg ist das nicht? 

Hat dieser Artikel dein Interesse geweckt? Schau doch in unserem Blog nach und lass dich von weiteren spannenden und lehrreichen Blogeinträgen zu den Themen Meditation und Acht begeistern. Vielleicht hast du Lust auf eine geführte Meditation bekommen um direkt Achtsamkeit zu üben? Alternativ kannst du auch gerne in unserem Meditationsstudio vorbeischauen 🙂

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